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Dialektische Grundgesetze
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Die sogenannten dialektischen Grundgesetze oder Grundgesetze der Dialektik wurden zuerst von Friedrich Engels in seiner Schrift Dialektik der Natur zusammengefasst. Sie entstammen der dialektischen Philosophie Hegels, laut Engels vor allem aus dessen Schrift Wissenschaft der Logik. Engels nennt sie:
- das Gesetz des Umschlagens von Quantität in Qualität und umgekehrt;
- das Gesetz von der Durchdringung der Gegensätze;
- das Gesetz von der Negation der Negation.
Diese "Gesetze" sind von Hegel nur als Denkformen verstanden worden. Bei Engels und im Marxismus wird die Hegelsche „Konstruktion“ oder „Ableitung“ dieser Gesetze umgedreht. Anstatt sie wie Hegel rein idealistisch zu postulieren und daraus zu folgern, dass sie in Natur und Gesellschaft Gültigkeit besäßen, will Engels sie anhand von Beispielen aus der Physik und der Chemie herleiten. Deren Ergebnisse interpretiert er als Anwendungen des Gesetzes und extrapoliert dies anschließend auf gesellschaftliche Vorgänge; die Gesetze seien universell anwendbar.
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Die Gesetze im einzelnen
Das Gesetz des Umschlagens von Quantität in Qualität und umgekehrt besagt, dass es bestimmte Größen gäbe, in denen Quantität in Qualität umschlage (und umgekehrt).
Für Hegel beispielsweise (Gegenkritik der Kantkritik am ontologischen Gottesbeweis) sind tausend Taler, die ich habe, mehr als tausend Taler, die ich mir nur vorstelle. Das wird so zwar keiner bestreiten, diese Aussage erhält aber Brisanz, wenn ursprünglich von dem Wort "mehr" ausgegangen wurde, dass 1000 Taler mehr sind als 900. 1000 Taler - die ich mir vorstelle - sind mehr als 900 solche. Aber 1000 Taler die ich habe sind noch mehr.
Von Hegel stammt das Beispiel, dass durch „quantitatives“ Zuführen oder Abführen von Temperatur sich die Qualität von Wasser ändert, wenn es gefriert oder verdampft. Für Hegel ist der Übergang von Quantität zur Qualität allerdings noch durchaus kein Gesetz oder gar Naturgesetz. Vielmehr ist es die Anstrengung spekulativer Vernunft, die den räsonierenden bloßen Verstand übertrifft.
Erst im dialektischen Materialismus wird die Hegelsche Dialektik als gesetzesförmig wie bei Naturgesetzen gedeutet. Bei Marx geht es um gesellschaftliche und ökonomische Gesetze. Engels verdeutlicht das Gesetz vom Umschlagen am Beispiel, dass ein Stoff seine Eigenschaften ändere, wenn man ihn bis auf seine Moleküle bzw. noch weiter zerlegt.
Das Gesetz von der Durchdringung der Gegensätze, auch "Einheit und Kampf der Gegensätze" genannt, besagt, dass zwei Dinge zusammengehören und ohne einander nicht existieren können, sich aber zugleich direkt entgegenstehen und sich gegenseitig bekämpfen bzw. ausschließen. Beispiel: Arbeiterklasse und Kapitalisten. Beide würden ohne den jeweiligen Gegenpart nicht existieren, haben aber antagonistische Interessen. Der gesellschaftliche Fortschritt findet durch die Auseinandersetzung beider Gegenpole statt. Diese Idee tritt in ähnlicher Form in vielen Philosophien auf, sie ist etwa vergleichbar mit der ostasiatischen Yin-Yang-Philosophie. Siehe auch allgemein: Dualismus.
Das Gesetz von der Negation der Negation, nach Engels das „Grundgesetz für den Aufbau des ganzen Systems“ bei Hegel, besagt etwa, dass die Negation der Negation eines Zustands oder einer Aussage nicht wieder der ursprüngliche Zustand bzw. die ursprüngliche Aussage ist, sondern etwas Neues. Das besondere an der „dialektischen“ Negation sei, dass sie nicht einfach das Gegenteil von etwas behaupte, sondern es gleichzeitig als eine Art Unterpunkt in den neuen Zustand integriert. Hegel benutzte hier das doppeldeutige Wort „aufheben“: die dialektische Negation hebe etwas auf einmal in dem Sinne, dass es nicht mehr so ist wie vorher, aber auch in dem Sinne, dass es nun im neuen System „aufgehoben“ ist, wie man sagt: „Etwas ist irgendwo gut aufgehoben.“
Alle drei Gesetze sind in der Philosophie Hegels und seiner Nachfolger nötig, um Fortschrittsprozesse erklären zu können. Engels deutet an, dass die drei Gesetze nicht getrennt, sondern als Einheit zu begreifen seien.
Kritik
Kritiker halten die „Naturgesetze“ in der hegelschen Form für eine rein sophistische Begriffs- und Wortspielerei, in der materialistischen Form Engels' für eine Trivialität. Dass etwa beim „quantitativen“ Zufügen von Wärme aus flüssigem Wasser gasförmiger Wasserdampf entstehe, sei lange bekannt; dies aber mit dem „Umschlagen von Quantität in Qualität“ zu erklären, sei eine rein willkürliche Benennung, die die echten physikalischen und chemischen Vorgänge (siehe Thermodynamik) eher verdeckt und damit ein tieferes Verstehen der Vorgänge behindert. In den modernen Naturwissenschaften kommen die „Gesetze“ nicht vor, streng genommen erfüllen sie nicht einmal die Kriterien eines wissenschaftlichen Gesetzes.
Erst recht fragwürdig sei, so Kritiker, die Übertragung der angeblichen Naturgesetzes auf gesellschaftliche Entwicklungen. Karl Popper sah in den Herleitungen Hegels und seiner Nachfolger - etwa in ihrer Behauptung, durch mehr Gesetze (Zunahme an Quantität) würde eine neue Form der „Freiheit“ (Änderung der Qualität) erreicht - vor allem einen Versuch, absolutistische Politik und Staatsmacht zu verklären. Die Gesetze von der Durchdringung der Gegensätze und der Negation der Negation seien vor allem dazu da, elementare Gesetze der Logik auszuhebeln. So würde keineswegs erklärt, wie denn die Negation einer Sache sie gleichzeitig einschließen könne, sondern dies werde nur postuliert, um dann sagen zu können, dass ein Fortschritt stattgefunden habe. Dass man auch irgendwie argumentieren könne, dass Gegensätze sich bedingen, wird nicht bestritten; aber sofern es zutreffe, sei es eine Trivialität (wo es kein Gegensätzliches gibt, kann man auch nicht von einem Gegensatz sprechen) und bringe keinen tieferen Erkenntnisgewinn.
Engels sah diese Kritik übrigens voraus. Er widerlegt sie nicht, sondern postuliert erneut, dass es sich um ein „allgemeines Gesetz der Natur-, Gesellschafts- und Denkentwicklung“ handle und lobt Hegels „weltgeschichtliche Tat“, es als erster ausgesprochen zu haben.
Literatur
- Hegel: Wissenschaft der Logik
- Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften
- Hegel: Phänomenologie des Geistes
- Engels: Dialektik der Natur
- Popper: Was ist Dialektik?
- Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band 2
