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Deutsch-Niederländische Beziehungen
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Die Deutsch-Niederländischen Beziehungen sind alt und tief, da es sich um zwei recht ähnliche Nachbarländer handelt, dennoch hat es in der Vergangenheit immer wieder auch Konflikte oder auch Irritationen gegeben. Ausschlaggebend sind das Größenverhältnis und die kulturelle Verwandtschaft.
Inhaltsverzeichnis |
Geschichte
Ursprünglich waren die Niederlande ein Teil der westgermanischen Sprachgruppe und später des Frankenreiches (später des deutschen Reiches). Erst im Laufe des Mittelalters entwickelte sich langsam ein Eigenbewusstsein, das langfristig auf einen niederländischen Staat zuging. Wichtig dafür war der wirtschaftliche Aufschwung der betreffenden Gebiete, und vor allem die Machtzusammenfassung unter den Habsburgern. Offiziell unabhängig vom Reich sind die (nördlichen) Niederlande erst seit 1648 (Westfälischer Frieden).
Sowohl Deutsche als auch Niederländer berücksichtigen diesen Umstand bei der Geschichtsbetrachtung meist nicht; Niederländer beschäftigen sich beispielsweise beim Mittelalter vor allem mit den Gebieten, die heute zu den Niederlanden gehören. Ein Kaiser des Heiligen Römischen Reiches wird nicht als Person betrachtet, die zur niederländischen Geschichte gehört. Eine Ausnahme ist jemand wie Karl V., der in Gent (heute Belgien) geboren wurde.
Nach der napoleonischen Zeit war das Königreich der Niederlande (seit 1815) neutral und hielt sich auch aus dem Ersten Weltkrieg heraus. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Niederlanden nach einem kurzen Kampf (10. bis 15. Mai 1940, meidagen, Maitage) vom nationalsozialistischen Deutschland besetzt. Der Krieg und die Besatzung bedeuteten Zerstörungen im Land, den Mord an 114.000 Juden aus den Niederlanden, Zwangsarbeit für junge niederländische Männer, für den Nordteil des Landes den Hungerwinter von 1944/1945 sowie indirekt den Verlust der Kolonie Niederländisch-Indien (heute Indonesien).
Nach dem Krieg bemühte sich die niederländische Regierung um die Annexion großer Teile Deutschlands (so genannter Bakker-Schut-Plan), was von den Alliierten allerdings abgelehnt wurde. 1947 forderten die Niederlande noch kleinere Territorien, in denen damals ungefähr 160.000 Menschen lebten. Tatsächlich annektiert wurden 1949 nur sehr kleine Landstriche, darunter Gebiete bei Sittard mit 5665 und Elten mit 3235 Einwohnern. Die meisten Gebiete wurden 1963, eine Straßenverbindung 2002 zurückgegeben. Bei den Niederlanden verblieb der Wylerberg.
Das niederländische Deutschlandbild nach 1949 wurde von dem Historiker Friso Wielenga in drei Phasen eingeteilt:
- "In einer ersten Phase (1949-1955) dominierten eindeutig Mißtrauen und Wachsamheit ... . Mit dem Beitritt der Bundesrepublik zur NATO 1955 war der Prozeß vom Feind zum Partner formell abgeschlossen, und es trat eine Phase ien (1955-1969), in der ... die Bundesrepublik allmählich als ein verläßlicher westlicher Bündnispartner wahrgenommen wurde. Bestätigt wurde dies in der dritten Phase (1969-1989) durch die positive Meinungsbildung über die sozialliberale Ostpolitik ... ."
Allgemein solle man weniger, so Wielenga, von "deutschfeindlich" reden, sondern von "Ambivalenz und Sensibilität". Eine "niedrige Schmerzgrenze" sei nicht mit "einer pauschal antideutschen Stimmung" zu verwechseln.[1]
Personen
Historische Persönlichkeiten
Eine Reihe von historischen Persönlichkeiten haben in Gebieten gewohnt, die heute zu den Niederlanden bzw. zu Belgien oder zu Deutschland gehören: der Geograph Gerhard Mercator, der Theologe Erasmus von Rotterdam. Der niederländische Staatsrechtler Johann Rudolf Thorbecke hatte deutsche Vorfahren.
Monarchie
Die Königshäuser Oranien (Niederlande) und Hohenzollern (Preußen bzw. Deutschland) sind verwandtschaftlich miteinander verbunden. Seit 1890 regierte die deutschstämmige Königin Emma für ihre Tochter, die spätere Königin Wilhelmina. Sie selbst sowie ihre Tochter Juliana als auch ihre Enkelin Beatrix haben Deutsche geheiratet.
Kultur und Medien
In Deutschland ist es einigen wenigen niederländischen Künstlern gelungen, beruflich Fuß zu fassen, zum Beispiel dem Chansonnier Herman van Veen, dem Fernsehunterhalter Rudi Carrell oder dem Musik-Kabarettisten Hans Liberg. Umgekehrt haben dies eher noch weniger Deutsche in den Niederlanden geschafft. Dennoch haben viele deutschsprachige Schlagersänger auch in den Niederlanden ihr Publikum.
Sprache
Niederländisch in Deutschland
Das Niederländische ist diejenige Sprache, die mit dem Deutschen am meisten verwandt ist (sieht man von kleineren Sprachen wie dem Jiddischen ab). Es erinnert an die alten Dialekte Norddeutschlands, dem Platt- oder Niederdeutschen. Genauer aber beruht es auf dem Niederfränkischen, zu dem auch der ursprüngliche Dialekt Düsseldorfs gehört. Spätestens seit dem 19. und frühen 20. Jahrhundert jedoch wird in ganz Deutschland Standarddeutsch (bzw. ein damit zusammenhängender Dialekt) gesprochen, das auf süd- und mitteldeutschen Formen basiert.
Niederländisch ist trotz der Ähnlichkeit mit dem Plattdeutschen kein Dialekt, sondern eine eigenständige Sprache mit ihrer Grammatik, Wortbildung und Literatur. Auch wenn einzelne Wörter oft gut für den Deutschen erkennbar sind, wie etwa die gleichlautenden Richtungsbezeichnungen links und rechts, so muss es ernsthaft erlernt werden. Zum Verständnis niederländischer Texte ist auch Wissen um die niederländische Kultur erforderlich. Wegen der Verwandtschaft sind die "falschen Freunde" recht häufig. Insgesamt wirkt das Niederländische auf Deutsche oftmals sprechsprachlich, was auch an die informelleren Umgangsformen (Duzkultur) erinnert.
Schulfach ist Niederländisch nur an einigen weiterführenden Schulen im Grenzgebiet zu den Niederlanden, wo man es als Wahlfach in der Oberstufe belegen kann. Die Sprache wird aber an vielen Volkshochschulen angeboten. Studieren kann man Niederlandistik an über zwanzig Universitäten im deutschsprachigen Raum, entweder für das Staatsexamen oder als Magister- bzw. BA/MA-Fach. Von den rund tausend Niederländisch-Studenten in Deutschland haben viele auch nur einen Niederländisch-Sprachkurs belegt, mit dem Germanistik-Studenten eventuell Studienanforderungen der Älteren Abteilung (z.B. Althochdeutsch) ersetzen dürfen.
Deutsch in den Niederlanden
Deutsch gilt bei vielen Niederländern als "schwere" Sprache, wegen der Flektionen bzw. markierten Kasusendungen, die im Niederländische in der Sprachgeschichte großteils weggefallen sind. Dies und auch der verschlechterte deutsche Arbeitsmarkt haben dazu geführt, dass Deutsch (aber auch Französisch) in den Niederlanden seit ungefähr 1980 an Boden verloren hat und auch deutsche Bücher in den Buchhandlungen und öffentlichen Bibliotheken seltener geworden sind.
Im niederländischen Schulsystem ist Deutsch ein weitverbreitetes Fach. Die Schüler der unteren Bildungsniveaus müssen als 13-jährige eine zweite Fremdsprache (nach Englisch) lernen und können in der Regel zwischen Deutsch und Französisch wählen. Für das höchste Bildungsniveau sind diese beiden Fremdsprachen Pflicht und müssen mindestens drei Jahre lang belegt werden.
2004 haben alle Schüler des höchsten Bildungsniveaus (VWO, etwa gute Gymnasiasten) Deutsch im Abschlussexamen gehabt, allerdings 79 Prozent nur als "Teilfach", mit geringeren Anforderungen. Beim zweithöchsten Niveau (HAVO) hatten 25 Prozent Deutsch als Vollfach und 46 Prozent als Teilfach, und die Schüler des niedrigsten Niveaus (VMBO, etwa Real- und Hauptschule) belegten Deutsch zu 27 Prozent (nur Vollfach). Französisch folgte mit deutlichem Abstand, nur acht Prozent der VMBO-Schüler hatten es im Abschlussexamen. Spanisch wurde von weniger als zwei Prozent aller Schüler belegt.[2] - Diese prinzipiell und im internationalen Vergleich hohen Zahlen für das Deutsche bedeuten aber nicht, dass man mit den meisten Niederländern ein flüssiges Gespräch auf Deutsch führen könnte, viele bevorzugen daher das Englische. Es wird im Allgemeinen als sehr negativ empfunden, wenn deutsche Touristen Niederländer ohne Umstände auf Deutsch ansprechen und damit die Kenntnis dieser Fremdsprache selbstverständlich finden.
In den 1970er Jahren studierten noch mehrere tausend Niederländer Deutsch an den Universitäten, 2006 waren es nur noch 800. In Nijmegen gab es nur 18 Studienanfänger im Fach Deutsche Sprache und Kultur.[3] Eine Folge ist, dass es in den Niederlanden einen großen Mangel an Deutschlehrern gibt.
Internationale Zusammenarbeit
Deutschland und die Niederlande sind beide in zahlreichen internationalen Organisationen vertreten, wie der EU und der NATO.
Es gibt seit 1958 eine deutsch-niederländische EUREGIO, deren Satzung (mit EUREGIO-Rat) von 1975 stammt, mit 3,37 Millionen Einwohnern, die auf ca. 13.000 Quadratkilometern leben. Zwei Drittel der Fläche liegen auf deutschem Gebiet. Zur EUREGIO, die sich um verbesserte Kontakte über die Ländergrenze bemüht, gehören
- deutscherseits:
- in Nordrhein-Westfalen die Stadt Münster sowie die Kreise Borken, Coesfeld, Steinfurt und Warendorf;
- in Niedersachsen die Stadt Osnabrück, die Landkreise Grafschaft Bentheim und Osnabrück sowie Teile des südlichen Emslandes;
- niederländischerseits:
- in der Provinz Gelderland die Regio Achterhoek und die Gemeinde Warnsveld;
- in der Provinz Overijssel die Regio Twente sowie Teile von Noordoost-Overijssel;
- in der Provinz Drenthe die Gemeinde Coevorden.
Die Mitglieder der EUREGIO sind rund 130 Kommunen.[4]
Wirtschaft
Die Wirtschaftsbeziehungen werden durch eine große Anzahl von Gemeinsamkeiten gefördert, denn beide Länder haben eine ähnliche Wirtschaftsordnung und keine protektionistische Politik. Schon vor dem Euro war der niederländische Gulden de facto an die D-Mark gekoppelt, so dass es kein Wechselkursrisiko gab.
Für die Niederlande ist Deutschland der größte Handelspartner, dieser Handel macht zwischen zwanzig und dreißig Prozent des niederländischen Bruttosozialprodukts aus. Import (vor allem Industrieprodukte) und Export (die Hälfte Industrieprodukte, ansonsten vor allem Energie und landwirtschaftliche Erzeugnisse) aus bzw. nach Deutschland betragen 19 bzw. 24 Prozent aus. Dabei ist Nordrhein-Westfalen für die Niederlande das wichtigste Exportgebiet.
Umgekehrt sind die Niederlande für Deutschland weniger wichtig, mit 6 Prozent des deutschen Exports und 8,5 Prozent des Imports.
Diese Zahlen sind von ca. 1993 bis 2005 rückläufig, unter anderem wegen des gestiegenen Handels mit China und der Auslagerung von Produktionen wegen der Lohnentwicklungen. Beide Länder sind weiterhin für das jeweils andere ein wichtiges Transitland, die Niederlande mit ihrem Hafen Rotterdam, Deutschland mit seinen guten Landverbindungen nach Süd- und Osteuropa.[5]
Tourismus
Deutsche Touristen suchen vor allem die niederländische Küste (Seeland, Nord- und Südholland) auf, auch das Ijsselmeer. Grenznahe Städte wie Venlo, Maastricht und Nijmegen verzeichnen regelmäßig Einkaufstourismus. Als Transitland für den Tourismus sind neben dem Flughafen Schiphol die Fährverbindungen nach Großbritannien interessant.
Niederländer bevorzugen die deutschen Gebirge, auch zum Skifahren, wobei Deutschland stark mit Österreich konkurriert. Die norddeutsche Tiefebene wird weitestgehend ignoriert. Beliebt sind ferner Städtereisen in Metropolen wie Berlin, Hamburg und das näher gelegene Köln. Außer Aachen liegen eher wenige deutsche größere Städte in Grenznähe. Das deutsche Straßennetz verbindet die Niederlande außerdem mit weiten Teilen Europas.
Gegenseitige Wahrnehmung
Stereotypen über das jeweils andere Land und Volk sind nicht unbedingt bei jedem Menschen in Deutschland oder den Niederlanden stark vertreten. Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass die Stereotypen bekannt sind und auch unterschwellig wirken, vor allem bei denjenigen, die mit dem anderen Land ansonsten wenig zu tun haben.
Aus deutscher Sicht sind die Niederlande eines von mehreren kleinen Nachbarländern, das weder als bedrohlich noch als exotisch wahrgenommen wird. Man kennt das Land aus dem Urlaub (Badestrände) und der Werbung der niederländischen Molkerei-Industrie ("Frau Antje bringt Käse aus Holland"). Politisch und gesellschaftlich gelten die Niederlande als links und tolerant, auch wegen der liberalen Drogenpolitik, was in Deutschland je nach eigenem politischem Standpunkt positiv oder negativ gesehen wird. In jüngerer Zeit sorgten die Berichte über Pim Fortuyn und Theo van Gogh für Irritationen über das sich multikulturell gebende Nachbarland.
Aus niederländischer Sicht ist Deutschland das weitaus größere von nur zwei Nachbarländern (das andere ist Belgien), der wichtigste wirtschaftliche Partner. Das Erlernen des Deutschen wird als wichtig empfunden, auch wenn die Deutschkenntnisse in letzter Zeit stark zurückgegangen sind. Nicht nur aus historischen Gründen gelten Deutschland und die Deutschen als groß, mächtig, rückschrittlich, konservativ, eingebildet, aggressiv und gefährlich.[6] Dies ist auch stark in der niederländischen Literatur und Popkultur wiedererkennbar, auch wenn es nicht unbedingt in Kontakten mit Deutschen als Aggression akut wird, sondern eher unterschwellig wirkt.
Man könnte meinen, der Zweite Weltkrieg - der deutsche Einmarsch 1940 und die Besetzung - sei die Grundlage für negative Stereotypen über Deutschland in den Niederlanden. Das ist nicht ganz falsch. Tatsächlich ist das deutsch-niederländische Verhältnis aber älter und von zwei Grundbedingungen eigener Natur bestimmt. Denn auch England, Spanien und Frankreich haben die Niederlande besetzt oder mit den Niederlanden Kriege geführt, die diesbezüglichen Stereotypen sind allerdings schwächer.
Größenverhältnis
Als grundlegend für das Verhältnis zwischen den beiden Ländern ist das Größenverhältnis anzusehen: Deutschland hat 82, die Niederlande haben 16 Millionen Einwohner. Es ist für Deutschland einfacher, die Niederlande zu ignorieren, als umgekehrt. Und kommen Deutsche und Niederländer zusammen, dann ist die gemeinsame Sprache vielleicht Englisch, vielleicht Deutsch, aber mit Sicherheit nicht Niederländisch.
In den Niederlanden gibt es den Begriff Calimero-effekt. Das kleine Küken Calimero singt in der niederländischen Fassung dieser italienischen Zeichentrick-Serie: Denn ich bin klein und sie sind groß, und das ist nicht fair. Ähnlich empfinden sich die Niederlande als kleines Land und sind darüber unzufrieden. Als Ausgleich verlegt man den Vergleich zwischen Deutschland und den Niederlanden auf "weiche" Felder: Nach Größe, Macht und Einfluss sind die Niederlande unterlegen, dafür aber "toleranter", "nüchterner", "sympathischer". Das ist schwer zu messen und leichter interpretierbar.
Ein anderer Begriff ist das gidsland, das Führungsland: Die kleinen Niederlande sind dieser Ansicht nach fortschrittlich und experimentierfreudig und können daher den anderen Ländern (auch Deutschland) zeigen, wie es besser geht. Wielenga zitiert einen selbstkritischen Beitrag aus der liberalen Zeitung NRC Handelsblad (1970):
- "Wir, die Niederländer, treten so häufig, ob man uns fragt oder nicht, als Schulmeister gegenüber dem Ausland auf, wenn es den hohen Maßstäben nicht genügt, die wir, wenn nicht für uns selbst, dann doch für die anderen vorschreiben..."[7]
Aus diesem Grund waren die Morde an Pim Fortuyn und Theo van Gogh (2002/2004) für die Niederlande so schockierend: Man meinte, "bei uns" könne so etwas nicht passieren. Außerdem wurde unübersehbar, dass die niederländische Integration von (islamischen) Einwanderern viel weniger gelungen war, als man sich selbst - und dem Ausland - erfolgreich hatte glauben machen. Genauer gesagt war bereits Ende der 1990er Jahre eine Debatte über dieses Thema begonnen (het multiculturele drama).
Umgekehrt muss man zu den Größenverhältnissen sagen, dass auch die Niederlande ein "großes" Land sind - für die Belgier. In Belgien haben die Niederländer den Ruf, laut und arrogant zu sein, also ähnlich dem Stereotyp über Deutsche in den Niederlanden. Außerdem verweisen Niederländer, wenn es vorteilhaft erscheint, auf die Größe des eigenen Landes - unter den kleinen EU-Mitgliedern seien die Niederlande das größte (was seit dem Beitritt Spaniens nicht mehr stimmt).
Verwandtschaft
Zweitens sind Deutschland und die Niederlande durch eine gemeinsame Geschichte miteinander verbunden. Folglich ist bei Niederländern die Neigung stark, das Eigen- und Anderssein gegenüber Deutschland zu betonen. Das hat sich durch den Zweiten Weltkrieg und die negative Sicht auf Deutschland sehr verschärft. Eine gängige interkulturelle Strategie besteht darin, auf Gemeinsamkeiten hinzuweisen. Das mag etwa im deutsch-französischen Verhältnis gut funktionieren, weniger aber im deutsch-niederländischen.
Clingendael-Studie
Eine vielbeachtetete Studie des niederländischen Clingendael-Instituts von 1992/1993 kam nach einer Umfrage unter niederländischen 15- bis 19-Jährigen zum Schluss:
- "Im Vergleich zu anderen EU-Ländern ist die Einstellung von niederländischen Jugendlichen zu Deutschland und den Deutschen sehr negativ. Mehr als die Hälfte der Befragten hat eine negative Einstellung zu Deutschland, nur 15% hat eine positive. ... Zu keinem anderen EU-Land haben niederländische Jugendliche eine klarere Einstellung als zu Deutschland. ... [Deutschland wird] immer noch sehr oft mit dem Zweiten Weltkrieg assoziiert ... . Daneben spielen die aktuellen Gewalttätigkeiten gegen Ausländer in Deutschland eine große Rolle. ... Was die (objektiven) Kenntnisse über Deutschland angeht, ist festzustellen, daß der größte Teil der niederländischen Jugendlichen nur minimales Wissen hat. Insbesondere fällt auf, daß nur wenige Jugendliche eine Vorstellung von der Größe der deutschen Bevölkerung haben. Auffallend viele hingegen kennen den Namen des deutschen Bundeskanzlers.
- Das Interesse an Deutschland ist nicht groß. Zwar besteht an Deutschland ebenso viel Interesse wie an Belgien, aber viel weniger als an Großbritannien und insbesondere Frankreich.[8]
- ... Die Einstellung hängt schließlich stark mit dem direkten Kontakt zusammen, den Jugendliche zu Deutschen pflegen. Sowohl Jugendliche mit deutschen Verwandten oder Freunden, als auch Jugendliche, die oft in Deutschland gewesen sind, haben eine signifikant positivere Einstellung zu Deutschland und den Deutschen als die übrigen Jugendlichen. Jungen halten im allgemeinen etwas mehr von Deutschland als Mädchen. Je höher das Ausbildungsniveau ist, umso größer ist die Kategorie ohne ausgesprochen positive oder negative Einstellung. Jugendliche, die in der Nähe der deutschen Grenze wohnen, stehen ihrem Nachbarland und dessen Bevölkerung etwas positiver gegenüber als andere.
- ... Die große Mehrheit sieht die Deutschen als dominierend (71%) und arrogant (60%) an. Desweiteren betrachtet beinahe die Hälfte der Jugendlichen Deutschland als kriegstreiberisch (46%) und als ein Land, das die Welt beherrschen will (47%). Nur 19% beurteilen Deutschland als ein friedliebendes Land."[9]
Zur Interpretation ist zu berücksichtigen, dass Jugendliche in ihren Urteilen weniger zurückhaltend sind als Erwachsene, und dass damals die Anschlagsserie auf Ausländer in Deutschland (Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Hünxe) in den Medien sehr präsent war.
Einzelne Themen
Grenzverlauf
Über den genauen Verlauf über die deutsch-niederländische Staatsgrenze in der Meeresbucht Dollart gibt es immer noch unterschiedliche Auffassungen.
Drogenpolitik
Die Niederlande haben eine, im Vergleich zu anderen EU-Ländern, tolerante Drogenpolitik. Dies wird von Politikern aus Ländern wie Deutschland und Frankreich regelmäßig kritisiert. Ein besonderer Konfliktpunkt sind die "Coffee Shops", in denen so genannte weiche Drogen verkauft werden dürfen. Sie ziehen auch deutsche Drogentouristen an, was seitens der Niederlande nicht unbedingt gern gesehen wird.
Vergangenheitsbewältigung
Mit Interesse werden in den Niederlanden Diskussionen in Deutschland verfolgt, die sich mit dem Themengebiet Zweiter Weltkrieg beschäftigen. Dazu gehört auch der Diskurs über deutsche Opfer.
Die oft negativen Einstellungen zu Deutschland unter Niederländern könnten mit der Verdrängung der eigenen Vergangenheit zu tun haben. In den Niederlanden ist ein früheres Schwarz-Weiß-Denken einer nuancierteren Betrachtungsweise gewichen, nicht zuletzt durch das Buch Grijs verleden ("Graue Vergangenheit", 2001) von Chris van der Heijden. Es griff das Bild des tapferen, widerständigen Volkes an und verwies auf die vielfältige Kollaboration mit den deutschen Besatzern. Weitaus die meisten Niederländer hätten sich mit dem Zustand abgefunden und keinen Mut zum Neinsagen gehabt.[10] Eine bislang ungeklärte Frage ist es, warum die Niederlande sehr viel mehr ihrer jüdischen Bürger verloren haben (74 Prozent oder 114.000 Menschen) als andere westeuropäische Länder.
Ein anderer Aspekt ist die niederländische Kolonialgeschichte. Seit ungefähr 1995 - mit dem 50. Jahrestag der Ausrufung der indonesischen Republik - werden Kolonialismus, Sklavenhandel und auch der Kolonialkrieg in Indonesien ("Polizeiaktionen", 1947/1948) verstärkt diskutiert. Zusammen mit dem Massaker von Srebrenica, ebenfalls 1995, hat die Kolonialdiskussion das Selbstbild vom gidsland mit ins Wanken gebracht.
Fußball
Das in beiden Ländern beliebte Ballspiel sorgt manchmal für emotionale Ausbrüche, die als chauvinistisch gewertet werden können. Eher ein Zeichen für schlechten Geschmack war es 2006, als eine niederländische Firma zur Fußballweltmeisterschaft in Deutschland so genannte "Oranje-Helme" auf den Markt brachte. Sie kombinierten die niederländische Nationalfarbe Orange mit einem Plastikhelm, der den deutschen Wehrmachtshelmen des Zweiten Weltkriegs ähnelte. Dieser witzig gemeinte Fanartikel ist beiderseits der Grenze scharf kritisiert worden.[11]
Siehe auch
Einzelnachweise
- ↑ Wielenga: Die häßlichen Deutschen?, in: Müller / Wielenga 1995 (siehe Literatur), S. 103-153, hier S. 146.
- ↑ Zahlen vom Unterrichtsministerium: http://www.minocw.nl/documenten/Vreemde_talen_OCW.pdf
- ↑ http://www.kennislink.nl/web/show?id=156623
- ↑ http://www.euregio.de/eu/?lc=de
- ↑ http://www.nhi-online.de/deutsch/akt/ProfvanParidon.pdf
- ↑ Zur Clingendael-Studie unter niederländischen Jugendlichen siehe: Müller / Wielenga 1995 (siehe Literatur), S. 165-200.
- ↑ 14. November 1970, zitiert nach: Wielenga: Die häßlichen Deutschen?, in: Müller / Wielenga 1995 (siehe Literatur), S. 103-153, hier S. 147.
- ↑ Ebenda, S. 180/181.
- ↑ Ebenda, S. 196-198.
- ↑ Rezension: http://www.historischhuis.nl/recensies/recensie144.html
- ↑ "Bundesliga-Holländer kritisieren Oranje-Helm", http://www.netzeitung.de/sport/wm2006/377194.html
Weblinks
Literatur
- Friso Wielenga, Bernd Müller (Hg.): Kannitverstan? Deutschlandbilder aus den Niederlanden, Münster 1995.
- Friso Wielenga: Vom Feind zum Partner. Die Niederlande und Deutschland seit 1945, Münster 2000.
- Friso Wielenga, Ilona Taute (Hg.): Länderbericht Niederlande. Geschichte - Wirtschaft - Gesellschaft, Bonn 2004.
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