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Body Integrity Identity Disorder
Aus Kefk.
Unter Body Integrity Identity Disorder versteht man eine vom eigentlichen Zustand abweichende Körperwahrnehmung. Der Betroffene erlebt sich als ein körperlich Behinderter und strebt u.U. diese Behinderung gewaltsam an.
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Symptomatik
Durch eine Veränderung des Körperschemas erleben Menschen mit BIID Teile oder Funktionen des eigenen Körpers als überflüssig oder störend. Betroffene leben in der Vorstellung, dass ihr Körper der eines Menschen mit einer Behinderung ist, erkennen jedoch, dass dies nicht der Realität entspricht, in der sich der Zustand ihres Körpers tatsächlich befindet. Seelisch haben sie dabei die Lebensweise von Menschen mit einer Behinderung adaptiert.
Es entsteht dabei der oft als überwältigend empfundene Wunsch, die Gliedmaßen zu amputieren oder das Rückenmark zu durchtrennen und damit den realen Körper wieder in Einklang mit der tatsächlichen Identität zu bringen. Das Gefühl der Schönheit und der Vollkommenheit des Körpers stellt sich damit erst durch die Amputation oder den Eintritt einer Querschnittlähmung ein. Bei dem überwiegenden Teil der Patienten bezieht sich der Zustand auf einen Arm oder ein Bein, weniger häufig auf mehrere Gliedmaßen gleichzeitig und in seltenen Fällen auf Änderungen von Körperfunktionen wie beispielsweise dem Wunsch nach einer Paraplegie (Querschnittlähmung).
Durch eine restriktive Medizinethik ist es den Patienten allerdings nur schwer möglich, ihren Wunsch durch einen von Ärzten durchgeführten operativen Eingriff zu realisieren. Dies führte bei Betroffenen zu selbst durchgeführten Verstümmelungen mittels Messern, Unterkühlungen mit Nekrosefolgen, Schrotgewehren und ähnlichen Instrumentarien, um sich so das als übermächtig empfundene Verlangen nach Amputation zu erfüllen.
Personen, die an BIID leiden, bezeichnen sich selber als Wannabe (von engl. want to be: etwas sein wollen). Ein großer Teil versucht sich Erleichterung zu verschaffen, indem mittels des Gebrauchs von Prothesen, Orthesen oder Rollstühlen ein Gefühl der erwünschten körperlichen Beeinträchtigung erzeugt wird. Dieses Vorspielen eines nicht vorhandenen Zustandes wird Pretending genannt. Fraglich ist, ob bei Personen bis zum 25. Lebensjahr durch das Pretenden die Identitätsentwicklung im Sinne von BIID verstärkt wird.
Eine sexuelle Komponente ist bei einem Teil der Betroffenen vorhanden. Dabei empfinden die Betroffenen andere Menschen mit Behinderungen als sexuell attraktiv oder erregen sich selber durch die Vorstellung des eigenen Körpers nach einer Amputation. Erstmalig beschrieben wurde ein solcher Wunsch von Krafft-Ebing 1888 als Dysmorphophilie (Literaturzitat1). Neuere Literatur beschreibt diesen Wunsch mit dem Begriff Apotemnophilie (=eine Form der Paraphilie).
Erste Erwähnung von Patienten mit Wunsch nach Amputation finden sich bei Money, 1977 (Literaturzitat2). Hier wurde zur Beschreibung des Zustands der Begriff Apotemnophilie geprägt. Abgeleitet ist dieser Name aus dem griechischen αποτέμνειν (abschneiden) und φιλία (Liebe).
Allerdings ist bisher ungeklärt, wie es zu einer Identitätsstiftung durch diese Paraphilie kommen kann.
Da nicht nur Wunsch nach einer Amputation vorliegt, sondern vielmehr das Bedürfnis, seinen realen Körper dem gestörten Körperschema anzupassen, etablierte sich der Begriff "body integrity identity disorder" (Literaturzitat3). Die Störung hat bislang keinen Einzug in das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders gefunden, soll aber in der nächsten Ausgabe aufgenommen werden (Literaturzitat4).
Ursachen
Die Ursachen von BIID sind derzeit unbekannt. Diskutiert werden sowohl neuroanatomische Veränderungen funktioneller Hirnregionen als auch entwicklungspsychologische Ansätze, nach denen sich schon im Kindesalter eine Störung des Körperschemas etabliert. Für die letztgenannte Deutung spricht die Tatsache, dass sich bei einem Großteil der Menschen mit BIID anamnestisch eine Manifestation der Erkrankung im frühen Jugendalter nachweisen lässt.
Therapie
Eine ursächliche Behandlung ist derzeit nicht bekannt. Es kann versucht werden, mit psychiatrischer und verhaltenstherapeutischer Unterstützung eine Stabilisierung des Zustandes zu erreichen. Die Gabe von selektiven Serotoninwiederaufnahmeinhibitoren kann als begleitende, antidepressive Therapie durchgeführt werden. Derzeit wird angenommen, dass eine Heilung im Sinne des Verschwindens des Leidens nur durch die Amputation selber möglich sei.
Nicht zu verwechseln ist BIID mit einer Geschlechtsidentitätsstörung oder spezifisch Transsexualität. Ihre Genese ist zwar ähnlich (Eintritt als Kind bzw. angeboren (noch umstritten), meist Verheimlichung gegenüber der Umgebung), allerdings ist GID eine vom körperlichen Geschlecht abweichende Geschlechtsidentität, an die der Körper angepasst wird; wobei höchst umstritten ist, inwieweit diese Veränderungsnotwendigkeit bereits Teil der Störung ist, und inwieweit sie sozial bedingt ist. (Z.B. ist die Änderung des juristischen Geschlechts in Deutschland nur möglich nach operativen Eingriffen.) Medizin und Psychologie, soweit sie GID als eigenständige Störung ansehen (dies ist die vorherrschende Meinung) gehen davon aus, dass zumindest viele Eingriffe unter allen denkbaren sozialen Umständen notwendig wären, einige Theoretiker aus dem Bereich der Geschlechterforschung hingegen gehen davon aus, dass alle somatischen Eingriffe nur auf sozialem Zwang beruhen. Durch die größere Anzahl an Betroffenen und des über Jahrzehnte gewachsenen und diskutierten Wissens über GID ist diese inzwischen auch sozio-kulturell akzeptiert und wird, wo notwendig, somatisch behandelt. Die Anerkennung als Identitätsstörung und damit die Möglichkeit der operativen Therapie ist den Menschen mit BIID bislang noch verwehrt. Allerdings ist auffällig, dass häufig auch jene Mediziner und Psychologen, welche auch relativ früh GID anerkannten, in der Behandlung und der Unterstützung von Patienten mit BIID führend sind.
Der schottische Arzt Dr. Robert Smith hat im Jahr 2000 zwei Beinamputationen bei Patienten mit BIID vorgenommen. Durch Indiskretionen und nach einem Bericht des Fernsehsenders BBC verbot die britische Ärztekammer nach Aufforderung durch das Schottische Nationalparlament weitere Amputationen. Als Grund wurde angegeben, dass die Öffentlichkeit solche Eingriffe missbilligen würde und ein Ansturm ausländischer BIID Betroffener wurde befürchtet.
Links
http://de.groups.yahoo.com/group/BIID-deutsch - Deutschsprachige BIID Group mit Anleitung und Hilfe zur Realisierung
biid.org - Allgemeine Informationen
transabled.org - Die Beschreibung eines Betroffenen
Literatur
(1) Psychopathia Sexualis: Eine klinisch-forensische Studie, Krafft-Ebing, R., 1888
(2) Apotemnophilia: Two Cases of Self-Demand Amputation as a paraphilia, John Money, Russell Jobaris, and Gregg Furth, Journal of Sex Research, 13.2, 115-125, 1977
(3) Furth, G., & Smith, R., Apotemnophilia: Information, questions, answers and recommendations about self-demand amputation. Bloomington, IN: 1stBooks Publishers, 2000
(4) First, M. (Ed.), Diagnostic and statistical manual of mental disorders IV-TR Washington, DC: American Psychiatric Association, 2000
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