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Schamgefühl

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Das deutsche Wort Scham leitet sich ab von althochdeutsch scama bzw. angelsächsisch scamu. "Scham" (lat. pudendum = „das, wessen man sich schämen sollte“) bedeutete neben „Schamgefühl“ auch „Beschämung“ oder „Schande“.

Inhaltsverzeichnis

Scham als Gefühl

Das Wort hat eine seelisch-emotionale Bedeutung.

Auf Grund der menschlichen Instinktausstattung ist - neben der Angst zur unmittelbaren Überlebenssicherung - der Wunsch nach Verbundenheit die fundamentalste menschliche Emotion. Der Wunsch „dazu zu gehören“ (vgl. Schamkultur) sitzt so tief in der menschlichen Seele, dass all seine latenten Auswirkungen auf das tägliche Leben unübersehbar sind. Das gesamte Sozialverhalten eines Menschen ist von diesem Wunsch geprägt. Daraus resultiert, dass - neben der unmittelbaren Angst in lebensbedrohenden Situationen - die Angst vor Einsamkeit ebenfalls eine mächtige Triebfeder für menschliches Verhalten ist.

Solche Ängste manifestieren sich, je nach Art und Intensität, in Form von Emotionen, die charakteristisch für zwischenmenschliche Beziehungen sind. Man weiß oft aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn man befürchtet, die Zugehörigkeit zu einer Person oder einer Gruppe zu verlieren.

Am schlimmsten sind die Gefühle, die ein Mensch hat, der akut befürchtet von allen anderen verstoßen zu werden. Auf Grund des evolutionären Hintergrundes unserer Gefühle - Verstoß aus der Gruppe bedeutete für unsere Vorfahren den sicheren Tod - wird ein solcher Mensch diesen Verstoß um jeden Preis verhindern wollen. Welche Position immer man mit seiner eigenen Meinung vorher vertreten hat, sie ist es garantiert nicht wert dafür zu sterben. Mit dem Schamgefühl greift der Selbsterhaltungstrieb eines Menschen in dessen eigene Persönlichkeit ein, und erkauft sich die Wiederaufnahme in die Gruppe - und so das eigene Überleben - mit einer Art von innerlich erzwungener Selbstaufgabe.

Auf Grund der Bedeutung sozialer Verbundenheit zu anderen Menschen wirkt sich die Scham nicht nur in ex post empfundenen Schamgefühlen, sondern auch präventiv in starken Vermeidungsgefühlen aus, die auftreten wenn man sich in Gedanken mit Dingen beschäftigt, deren Realisierung die akute Gefahr des Ausschlusses aus der Gruppe hervorbringen würde. Deshalb spielt die Scham vor allem bei gesellschaftlichen Tabuthemen eine Rolle; insbesondere dort wo das Individuum bei wichtigen Bedürfnissen die größte Diskrepanz zu dem bemerkt, was gesellschaftlich akzeptiert ist.

Dies ist in hohem Maße beim Thema Sexualität der Fall. Schamgefühle stehen häufig mit Sexualität in Verbindung, und werden deshalb auch leicht mit ihr vermischt, bis hin zur Bezeichnung des Schoßes der Frau als „Scham“. Jedoch ist Scham nicht sexueller Natur, sondern die Angst vor Ehrverlust in ihrer eindringlichsten Form.

Scham kann auch für die Situation oder das Verhalten eines Dritten empfunden werden. Diese Fremdscham kommt in zwei Fallgruppen vor: Man schämt sich stellvertretend für jemanden – vorzugsweise aus der eigenen Gemeinschaft –, der selbst keine Scham empfindet, oder man schämt sich zusammen mit einer anderen Person. Charakteristisch für die Fremdscham ist, dass man sich gerade nicht für sich, sein Verhalten oder eine selbst beeinflusste Situation schämt.

Körperliche Auswirkungen

Sie kann von heftigen körperlichen Symptomen wie beschleunigtem Herzschlag, Erröten oder Schweißausbruch begleitet sein. Diese willentlich schwer kontrollierbaren Reaktionen können selbst wieder angstauslösend sein, die übersteigerte Furcht vor unwillkürlichem Erröten etwa wird Erythrophobie genannt.

Das Schamgefühl gehört zur psychischen Grundausstattung des Menschen. Seine neurotische Übersteigerung oder Verlagerung ist Anzeichen einer seelischen Störung.

In der Geschichte der Menschwerdung hat das Phänomen der Scham möglicherweise mit dem aufrechten Gang sowie mit der zeitlichen Entgrenzung der Fortpflanzungsbereitschaft zu tun, ist allerdings auch stark kulturabhängig, was z.B. das Fehlen von Brustbedeckung in vielen Naturvölkern zeigt.

Soziale Bedeutung

Soziologisch kennen alle Gesellschaften - höchst unterschiedliche - Gegenstände der Scham, sind also „Schamgesellschaften“ (während nur einige „Schuldgesellschaften“ sind). Soziale Scham ist demnach das Gefühl, das an Konfliktpunkten zwischen den sozial Handelnden entsteht. Das schlimmste Vergehen in einer Schamkultur besteht darin, sich nicht zu schämen, wenn man sich schämen sollte. Wer sich schämt, kann mildernde Umstände geltend machen. Die Übertretung der gesellschaftlich sanktionierten Schamgrenze wird mit Gesichtsverlust bestraft. Ihn zu vermeiden, muss man „Haltung“ bewahren. (Vgl. auch Peinlichkeit.)

Norbert Elias hat in Über den Prozess der Zivilisation das „Vorrücken der Schamschwelle“ als wesentliches Element der „Zivilisation“ seit dem Mittelalter erfolgreich zu einem soziologischen Schlüsselbegriff gemacht. Hans Peter Duerr hat in einem sich prononciert gegen Elias wendenden Werk Der Mythos vom Zivilisationsprozess vor allem im ersten Band Nacktheit und Scham nachzuweisen versucht, dass eine niedrige Schamschwelle gerade eine sehr hohe Zivilisierung voraussetze und nur in einem streng konventionalisierten Rahmen möglich werde. Insofern seien die jeweiligen Grenzziehungen der Scham ein fundamentales Kennzeichen jeder Kultur.

Eine sich sehr bestreitbar auf Sigmund Freud berufende extreme Position strebte zwar in den 1960er- und 1970er-Jahren die völlige Beseitigung der Scham an, die Kommune-Projekte etwa eines Otto Muehl konnten sich aber nicht etablieren und scheiterten an den damit entstehenden Gruppenkonflikten.

Scham in der Philosophie

Das Gefühl der Scham definiert die Philosophie als Unlust, die aus der Unbedecktheit diverser Teile des Körpers erwächst. Im weiteren Sinne bedeutet Scham auch ein Missvergnügen bezüglich der Wahrnehmung eigener Unvollkommenheit. Damit verbunden ist wiederum die Vorstellung, wegen dieser Unvollkommenheit von Dritten verachtet zu werden, also das Gefühl der Schande.

Gründet diese Furcht vor Schande in der äußeren Ehre, wird diese geringer eingestuft als die Scham, die zur Erhaltung der inneren Ehre vom Schlechten absieht. Der Mensch schämt sich, weil seine innere Ehre leidet oder aber absehbar ist, daß sie Leid davontragen wird. Ursache kann etwas „Tadelnswürdiges“ oder auch ein schlechter Gedanke sein. Hingegen ist die Furcht vor äußerer Schande meist eine „falsche Scham“. Die falsche Scham ist die Neigung, Scham zu empfinden wegen Dingen, die zwar gut und notwendig, jedoch bei diversen Dritten „verrufen“ sind. Im Gegensatz zur falschen irrt die wahre Scham in keinem Falle, da sie mit Gewissenhaftigkeit und Ehrgefühl zusammenhängt.

Man kann sich auch vor sich selber schämen (vor seinem „besseren Ich“) oder vor einem Gott. In der Literatur bevorzugt der Mensch oft Schmach und Schande vor den Menschen gegenüber einer Verletzung seines Gewissens. (Vgl. Schillers Jungfrau von Orleans und E. v. Wildenbruchs Claudia.)

Anderer Wortgebrauch

Für die äußeren Geschlechtsorgane der Frau gibt es neben dem anatomischen Fachbegriff Vulva viele derbe Ausdrücke. Um diese zu vermeiden, wurde "Scham" als treffend empfunden, als einem derjenigen Körperteile geltend, die schon früh in der Menschheitsgeschichte und in fast allen Kulturkreisen dem Anblick anderer entzogen wurden: die Geschlechtsteile. Ein anderes Wort dafür ist (z. B. in alten Bibelübersetzungen) die Blöße.

Auch beim Mann besteht diese Verlegenheit, und vergleichbar keuschere Ausdrücke fanden sich auch hier ("Schritt", in gehobener Sprache "Männlichkeit" oder "Gemächt").

Literatur

  • Schorn, Ariane: Scham und Öffentlichkeit. Genese und Dynamik von Scham- und Identitätskonflikten in der Kulturarbeit. Regensburg 1996.
  • Friedrich Kirchner, Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe, 1907

Siehe auch

Weblinks

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