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Bärenkult
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Mit der Benennung als Bärenkult werden religiöse Rituale von Wildbeutervölkern bezeichnet, in denen Bären eine besondere Rolle spielen. Besonders bedeutend und bekannt ist das Bärenfest iyomante der Ainu auf Hokkaido.
Der Terminus bezeichnet aber auch eine im 20. Jahrhundert populäre Theorie von Religionswissenschaftlern wie Mircea Eliade und Joseph Campbell, nach der frühe Hominiden bereits Jagdmagie und einen mutmaßlichen Bärenkult praktiziert hätten.
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Der Bär in der menschlichen Mythologie
Bären sind nicht nur eindrucksvolle und für jagende und Höhlen aufsuchende Menschen mitunter auch gefährliche Säugetiere. Aufgerichtet wirken sie zudem auch menschenähnlich, sie bewohnen bzw. besetzen Höhlen und treten sowohl einzeln wie auch in kleineren Familienverbünden auf.
Eine entsprechend wichtige, wenn auch nicht beherrschende Rolle nehmen sie in der Mythologie vor allem jagender Völker und auch in den Erzählungen moderner Gesellschaften bis heute nachweisbar ein. Die Diskussionen um den Abschuss des Bären Bruno in Bayern im Juni 2006 oder um das Überleben des Eisbärjungen Knut in Berlin Anfang 2007 zeigen die emotionale Wirkung des Tieres auch in der Jetztzeit auf.
Der Bärenkult bei den Ainu
Nicht der einzige, aber der mit Abstand berühmteste Bärenkult stammt von den Ainu, den Ureinwohnern der heute zu Japan gehörenden Insel Hokkaido.
Im animistischen Glaubenssystem dieses Wildbeutervolkes nehmen die Götter (kamuy) vorwiegend tierische Gestalt an, um die Welt und die Menschen zu besuchen. Junge Bären werden gefangen und bis zum Alter von etwa zwei Jahren als kamuy-Gesandte großgezogen, bevor sie im Verlauf des Bärenfestes (iyomante) zurückgeschickt, d.h. getötet und rituell verehrt werden.
Im Zuge eines neu erwachenden Selbstbewußtseins und auch über die UNO ausgetragenen Ringens um Anerkennung seit den 70er Jahren gegen die bis dahin vorherrschende Assimilierungspolitik Japans sind Kultur und Religion der Ainu weltweit bekannt geworden.
Der Bärenkult als religionswissenschaftliche Theorie
Die Diskussion darüber, ob Frühmenschen entwickelte Geistesgaben besäßen, Schilderungen der Ethnologie etwa zum Bärenfest der Ainu und Funde von scheinbar ausgerichteten Bärenschädeln und -knochen in mehreren Höhlen, datierbar auf während oder noch vor der Altsteinzeit, führten den Religionswissenschaftler Mircea Eliade zu der Annahme, auch schon der frühe Mensch habe als Jäger einen weltweit verbreiteten Bärenkult gepflegt. Diese These findet sich bis heute in populärwissenschaftlicher Literatur und wurde noch in jüngerer Zeit etwa von Joseph Campbell vertreten.
Genauere Forschungen haben jedoch ergeben, dass die scheinbare Ausrichtung der (keilförmigen) Bärenschädel sehr viel besser durch Wassereinwirkung in den Höhlen als durch Menschen erklärt werden kann. Auch ist das vergemeinschaftete Auftreten von Höhlenbärenskeletten keine Besonderheit, ziehen sich diese doch zum Ruhen und damit oft auch Verenden gerne in Höhlen zurück.
Daneben spricht aber auch der ethnologische Befund gegen die These von einem verbreiteten Bärenkult etwa schon bei Homo erectus. Denn in den bestehenden Glaubenswelten von Wildbeutern spielen Bären zwar eine oft wichtige Rolle, stehen jedoch nicht alleine. Ausnahmslos werden auch andere Tiere, etwa bevorzugte Jagdbeute, verehrt. Entsprechende Ritualplätze rund um andere Tiere sind jedoch für die frühe und mittlere Altsteinzeit nicht belegt.
Auch äußern sich die rezenten Bärenkulte in sehr komplexen Ritualen mit hoher Beteiligung, Opfern und präparierten Stätten, wogegen die mutmaßlichen erectus-Bärenkult-Fundorte keinerlei Eintrag menschlicher Artefakte verzeichnen.
Aus wissenschaftlicher Sicht muss daher heute die These eines verbreiteten Bärenkultes vor dem Mittelpaläolithikum als widerlegt gelten. Wissenschaftsgeschichtlich interessant bleibt jedoch die Rückwirkung rezenter Trends und Entdeckungen auf die menschheitsgeschichtliche Theoriebildung und der Umstand, dass zeitgenössische Wildbeuter zu vermeintlich starren Hütern von Traditionen über Jahrhunderttausende erklärt wurden, um das innovative Potential früher Menschen zu verteidigen.
Literatur
- Mircea Eliade: Geschichte der religiösen Ideen. Bd. I. Von der Steinzeit bis zu den Mysterien von Eleusis. Basel, Freiburg, Wien 1978
- Joseph Campbell: Primitive Mythology. London, New York, Toronto 1987
- Ina Wunn et al.: Die Religionen in vorgeschichtlicher Zeit. Kohlhammer 2005, ISBN 317016726X (Widerlegung)
- Richard B. Lee et al.: The Cambridge Encyclopedia of Hunters and Gatherers. Cambridge University Press 2006 (auch: Ainu, iyomante)
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