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Antidepressivum
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Antidepressiva (Thymoleptika) sind Medikamente, die hauptsächlich gegen Depressionen aber auch z. B. bei Zwangsstörungen und Panikattacken sowie bei der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS, PTSD) eingesetzt werden.
Allgemeines
Antidepressiva wirken stimmungsaufhellend (thymoleptisch) und können
- antriebssteigernd (thymeretisch)
- antriebsneutral oder
- antriebsdämpfend sowie
- beruhigend (sedierend) und angstlösend (anxiolytisch) wirken.
Bei einer Vielzahl von Antidepressivatypen entfaltet sich die volle Wirkung erst nach einigen Tagen bis Wochen kontinuierlicher Einnahme. Grund dafür ist die neurophysiologische Adaption des Gehirngewebes, die eine gewisse Zeit beansprucht. Dazu gehören Veränderungen in der Empfindlichkeit und Dichte von Rezeptoren und ähnlicher Strukturen (Transporter) (vgl. Kompensatorische Adaptionsmechanismen). Die dauerhafte Besserung tritt also indirekt aufgrund von zellulären Anpassungsprozessen unter episodenhaft konstantem Wirkstoffspiegel auf.
Antriebssteigernde Antidepressiva können zu Behandlungsbeginn einen Hang zur Selbsttötung verstärken, weil die antriebssteigernde Wirkung oft vor der Stimmungsaufhellung einsetzt. Es ist sehr zu empfehlen, eine Behandlung mit Antidepressiva einschleichend zu beginnen und ausschleichend zu beenden.
Grundsätzlich können Antidepressiva unabhängig von der Schwere einer Depression eingesetzt werden. Die durchschnittliche Responderquote (Ansprechen auf das Medikament) liegt bei etwa 70%, wobei gerade bei Depressionen psychodynamische Faktoren eine große Rolle spielen und es damit z. B. schwierig machen, die Placebowirkung eindeutig herauszufiltern.
Antidepressiva ersetzen normalerweise keine Psychotherapie, können aber möglicher Weise im Falle von schweren Depressionen eine solche erst ermöglichen, da in diesen Fällen die als Voraussetzung einer erfolgreichen Therapie notwendige Ansprechbarkeit sonst oft nicht gegeben ist.
Arten von Antidepressiva
Trizyklische Antidepressiva (NSMRI = Non Selective Monoamino Reuptake Inhibitors, TCAs)
Trizyklische Antidepressiva, kürzer Trizyklika, leiten ihren Namen (trizyklisch - v. griech.: drei Ringe) von der dreifachen Ringstruktur dieser Wirkstoffe ab. Strukturelle und damit auch neurophysiologische Unterschiede zeigen sich in der Substitution und in den Seitenketten dieser Aromate. Das erste trizyklische Antidepressivum Imipramin wurde 1956 von Geigy entwickelt. Als weitere Substanzen folgten z. B. Clomipramin und Amitriptylin. Sie greifen in mehrere Neurotransmittersysteme gleichzeitig ein, indem sie die Wiederaufnahme von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin hemmen und auf Azetylcholin-, Histamin- oder auch Adrenozeptoren wirken. Daher sind bei trizyklischen Antidepressiva auch die Nebenwirkungen vielfältig.
Trizyklika vom "Amitriptylin-Typ" wirken eher beruhigend (dämpfend), Stoffe vom "Imipramin-Typ" sind antriebsneutral, solche vom "Desipramin-Typ" wirken eher wachmachend bzw. antriebssteigernd.
Beispiele für trizyklische Wirkstoffe sind: Doxepin (Handelsname z. B. Aponal®), Imipramin (z. B. Tofranil®), Clomipramin (z. B. Anafranil®), Amitriptylin (z. B. Saroten®), Trimipramin (z. B. Stangyl®), Opipramol (z. B. Insidon®).
Einige trizyklische Antidepressiva (z. B. Clomipramin) sind gegen Angst- und Panikstörungen wirksam und werden auch in der Behandlung von Zwangsstörungen eingesetzt. Manche Trizyklika, vor allem Amitriptylin und Clomipramin, werden in der Schmerztherapie bei neuropathischen oder anderen chronischen Schmerzen eingesetzt. Die schmerzlindernde Wirkung kommt vermutlich durch noradrenerge Aktivierung des absteigenden schmerzhemmenden Systems im ZNS zustande und hängt nicht mit der antidepressiven Wirkung zusammen.
Die tetrazyklischen Antidepressiva wirken ähnlich wie die trizyklischen; einige Substanzen (Maprotilin) beeinflussen insbesondere das Noradrenalin stärker.
Aufgrund ihrer Nebenwirkungen sind Trizyklika heutzutage selten Mittel der ersten Wahl. Man greift jedoch bei schweren und/oder chronischen Fällen auf sie zurück, etwa wenn die Patienten nicht auf neuere, vegetativ verträglichere Substanzen (v. a. SSRI) ansprechen. Dann stellen Trizyklika eine Alternative in der medikamentösen Therapie dar.
Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI)
Die SSRI blockieren speziell die Rezeptoren, die für die Wiederaufnahme des Botenstoffes Serotonin zuständig sind. Die durch Eingriff in weitere Transmittersysteme verursachten Nebenwirkungen der trizyklischen Antidepressiva spielen bei der SSRI-Behandlung eine entsprechend geringere Rolle.
Wirkstoffe dieser Gruppe sind zum Beispiel Fluvoxamin (Handelsnamen z. B. Luvox®, Fevarin®), Fluoxetin (z. B. Fluctin®, in Amerika Prozac®), Citalopram (z. B. Cipramil®, in den USA Celexa®), Escitalopram (z. B. Cipralex®), Sertralin (z. B. Zoloft®) und Paroxetin (z. B. Seroxat®). Mehrere Medikamente dieser Gruppe werden auch zur Behandlung von Angststörungen und Panikattacken eingesetzt.
SSRI sind die am häufigsten eingesetzten Antidepressiva. Schon kurz nach Einführung der ersten Wirkstoffe dieser Gruppe wurde über gewalttätiges Verhalten und Suizide unter SSRI-Medikation berichtet; eine mglw. suizidalitätssteigernde Wirkung dieser Substanzen ist bislang weder gesichert noch widerlegt. Beim Absetzen von SSRI nach längerer Einnahme kann sich ein Absetzsyndrom (SSRI Discontinuation Syndrome) entwickeln. Eine Abhängigkeit von SSRI entsprechend der DSM-IV-Definition ist aber nicht bekannt.
Selektive Serotonin-/Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SNRI)
Die SNRI hemmen die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin. Einsatzgebiete sind Depressionen und Angststörungen.
Wirkstoffe sind Venlafaxin (Handelsname z. B. Trevilor®), Duloxetin (z. B. Cymbalta®, Yentreve®) und Milnacipran (Ixel®).
Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (NARI)
Die NARI hemmen den Transporter, der Noradrenalin nach erfolgter Signalübertragung natürlicherweise wieder zu den Speicherplätzen zurückbefördert. Noradrenalin verbleibt länger am Wirkort, und seine Wirksamkeit als Signalüberträger steigt. Wirkstoffe dieser Gruppe sind zum Beispiel Reboxetin (Handelsname z. B. Edronax®) und Viloxazin (z. B. Vivalan®) Einsatzgebiet sind akute Depressive Erkrankungen, darunter mit Antriebsstörungen einhergehende Depressionen.
MAO-Hemmer (MAOH/MAOI)
MAO-Hemmer wirken, indem sie das Enzym Monoaminooxidase (MAO) hemmen, welches für den Abbau der Neurotransmitter sorgt. Dadurch steigt die Konzentration der Neurotransmitter in der Nervenzelle an. Von diesem Enzym gibt es zwei Unterarten: A und B. In der Depressionsbehandlung werden hauptsächlich Medikamente eingesetzt, die Typ A hemmen. MAO-Hemmer, die auf Typ B wirken, setzt man meist in der Behandlung der Parkinson-Krankheit ein.
Die MAO-Hemmer haben eine hohe Nebenwirkungsrate, da es einmal Interaktionen mit Tyramin-haltigen Lebensmitteln gibt (Käse, Wein und viele andere), was dann beispielsweise zu starken Blutdrucksteigerungen führen kann. Außerdem muss zwischen der Einnahme eines MAO-Hemmers und einem anderen Antidepressivum eine Wartezeit eingehalten werden, um schwerwiegende Interaktionen zu vermeiden (z. B. Serotonin-Syndrom). Deswegen werden heute nach Möglichkeit nur noch reversible MAO-Hemmer angewendet, etwa Moclobemid (Handelsname z. B. Aurorix®), bei denen diese Nebenwirkungen weniger gravierend auftreten. Irreversible, nicht-selektive MAO-A- und -B-Hemmer wie Tranylcypromin (Jatrosom N®, Parnate®) wurden 2004 erstmals wieder häufiger verschrieben als Moclobemid (2,5 Millionen definierte Tagesdosen gegenüber 2,0 Millionen definierten Tagesdosen).[1]
Noradrenerges und spezifisch serotonerges Antidepressivum (NaSSA)
Bei Depressionen (besonders bei Hemmung, Gewichtsverlust, Schlafstörung und Ängsten), wirken meist sedierend, teilweise werden NaSSA auch als Schlafmittel eingesetzt. Wirkstoffe: z. B. Mirtazapin (Handelsnamen z. B. Remergil®; Österreich: Mirtabene®, Mirtaron®).
Duale Serotonerge Antidepressiva (DSA)
Wirken als 5-HT2A-Antagonisten und 5-HT-Transporter-Inhibitoren. Wirkstoff: Nefazodon (Handelsname z. B. Nefadar®).
Dopamin-Wiederaufnahme-Hemmer (DRI)
Das ehemalige Medikament Amineptin (Survector®) steht heute im BtMG (D) in Anlage 2 (nicht verschreibungsfähige Stoffe). Es ist damit die einzige Substanz, die als Antidepressivum vermarktet wurde, die Abhängigkeit auslöst.
Methylphenidat (Ritalin® u. a.) ist ebenfalls ein Dopamin-Wiederaufnahme-Hemmer, wird aber nicht als Antidepressivum vermarktet.
Serotonin-Wiederaufnahmeverstärker (SRE = Serotonine Reuptake Enhancer)
Serotonin-Wiederaufnahmeverstärker erhöhen die Serotonin-Rückaufnahme aus dem synaptischen Spalt und steigern die Feuerungsrate der Neuronen im Hippocampus. Bei Depressionen, ängstlich-depressiven Zustandsbildern, Somatisierung von Depression und Angst, Angst/Depression bei Alkoholikern und Älteren. Wirkstoffe: Tianeptin (Handelsname z. B. Stablon®).
Phytopharmaka
Phytopharmaka sind pflanzliche Wirkstoffe. Hierzu gehört bei den Antidepressiva insbesondere das Johanniskraut. Anders als lange angenommen, wird der antidepressive Effekt nicht vorrangig durch Hypericin hervorgerufen, welches zwar auch die Wiederaufnahme verschiedener Neurotransmitter hemmt, aber in normalen Dosen Johanniskraut nicht in wirksamer Menge vorkommt. Es wird angenommen, dass der Haupteffekt durch Hyperforin verursacht wird, der auch in therapeutischen Dosen Johanniskraut ausreichend Wirkung zeigt. Es kann bei leichten bis mittelschweren Depressionen eingesetzt werden, wobei die Wirksamkeit - ebenso wie bei anderen Antidepressiva - kontrovers diskutiert wird (vgl. Arznei-Telegramm 05/2005, S. 48). Johanniskraut ist in verschiedenen Darreichungsformen (zum Beispiel als Tee, Tabletten etc.) erhältlich und teilweise frei verkäuflich. Verlässlich wirksam gegen Depressionen sind - wenn überhaupt - aber meist nur die apothekenpflichtigen Präparationen dieses Mittels. Auch bei Johanniskraut ist mit der bei anderen Antidepressiva üblichen verzögerten Wirksamkeit von ca. 10 - 14 Tagen zu rechnen. An Nebenwirkungen verursacht Johanniskraut eine gesteigerte Lichtempfindlichkeit (sog. Photosensibilität) der Haut. Johanniskrautpräparate zeigen, bedingt durch Induktion des Cytochrom P450-Enzyms vom Subtyp CYP3A4, welches ca. die Hälfte aller Pharmaka im Körper abbaut, oft Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, die ebenfalls über diesen Cytochrom-Subtyp abgebaut werden, z. B. der Antibabypille oder Medikamenten, die eine Transplantat-Abstoßung verhindern sollen. Eine Wirkungsminderung dieser Medikamente durch Johanniskraut ist daher möglich.
Unruhezustände und Angst können zusätzlich mit Baldrianwurzel, Melisse und Hopfen behandelt werden. Das früher vor allem bei Angstzuständen verwendete Kava-Kava (Wirkstoffe: Kavapyrone, vor allem Kavain) hat in einzelnen Fällen zu schweren Leberschäden geführt und ist daher inzwischen verboten.
Nebenwirkungen
Während der Behandlung, je nach Art des eingesetzten Antidepressivums können auftreten:
- Kardiovaskuläre Störungen wie Blutdrucksenkung und Tachykardie, Herzrhythmusstörungen
- Verstopfung
- Schwierigkeiten beim Wasserlassen
- Schlafstörungen
- Zittern, Erregungszustände
- Mundtrockenheit
- Libidoverlust, Anorgasmie
- Gewichtszu-/abnahme
- Lichtempfindlichkeit der Haut (Johanniskraut)
- Pupillenerweiterung
- Übelkeit
- Taubheitsgefühle (Kopf)
Nach derzeitigem Wissensstand führt die Einnahme der Antidepressiva nicht zur Abhängigkeit, weshalb bei der Behandlung von Angstzuständen, wenn dies neben einer psychotherapeutischen Behandlung erforderlich erscheint, eher eines der geeigneten Antidepressiva (z. B. SSRI, Clomipramin) zu empfehlen ist als (Tranquilizer) aus der Gruppe der Benzodiazepine mit ihrem hohen Suchtpotenzial.
Sofern unter der Behandlung mit Antidepressiva eine depressive Phase abgeklungen ist, ist normalerweise mit einem problemlosen Absetzen zu rechnen, auch bei Medikamenten aus der SSRI-Gruppe. Eventuell ist mit Rebound-Effekten nach Absetzen zu rechnen, z. B. kann nach Absetzen eines beruhigenden Antidepressivums vorübergehend verstärkte Unruhe auftreten.
Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass die bei Depressionen häufig bestehende Rückfallgefahr durch die Kombination von Antidepressiva- und Psychotherapie besser gemindert wird, als durch die alleinige Gabe eines Medikaments.
Quellen
- ↑ Arzneiverordnungs-Report 2005 Aktuelle Daten, Kosten, Trends und Kommentare', Schwabe et al., XVI. Auflage, Springer, Berlin, 2005, ISBN 3-540-28368-4
Literatur
- Ursula Breyer-Pfaff, Hans J. Gaertner, Pierre Baumann: Antidepressiva. (2005), ISBN 3-8047-2147-8
- Josef Schöpf: Moderne Antidepressiva: Wechseln, Kombinieren, Augmentieren. (2003), ISBN 3-7985-1426-7
- Peter Riederer, Gerd Laux, Walter Pöldinger: Neuro-Psychopharmaka, Bd.3 : Antidepressiva und Phasenprophylaktika. (2002), ISBN 3-2118-3647-0
- Benkert, O., & Hippius, H. (2005). Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie. (5. Auflage). Berlin: Springer. ISBN 3-540-21893-9
- Woggon, Brigitte (2005) Behandlung mit Psychopharmaka (2. Auflage). Bern: Hans Huber. ISBN 3-456-83538-8
Weblinks
Information:
- ak-medizin: Antidepressiva Medikamentöse Therapie bei Depressionen (Informationen über Antidepressiva, alle Wirkstoffe)
- Dissertation von C. Jurk: Depression, eine sozialwissenschaftliche Studie zu Geschichte und gesellschaftlicher Bedeutung einer Diagnose (PDF 7,17 MB)
- Hans Moschetzky: Psychopharmakotherapie bei Angststörungen: Antidepressiva (genaue Beschreibung der Wirkung diverser Antidepressiva und Buchempfehlung)
Kontroverse:
- Arzneitelegramm: Antidepressiva: Lebensgefährliche Plazebos?
- Arbeitsgemeinschaft für Neuropsychopharmakologie und Pharmakopsychiatrie (AGNP): Antidepressiva: Lebensgefährliche Placebos? Arznei-Telegramm: fahrlässiges Journal
- Antidepressiva: Die Sicht von Fachgesellschaften. Arznei-Telegramm 2006;36: 112. Stellungnahme zur Darstellung der AGNP.
- Irresein.de: Des Kaisers neue Medikamente: Wirken Antidepressiva?
- Joanna Moncrieff: Evidence base for older antidepressants is shaky too. BMJ 2005;330:420 (19 February) (englisch)
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