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Anonymes Werk (Urheberrecht)
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Als Anonymes Werk bezeichnet man im Urheberrecht ein Werk ohne Urheberbezeichnung, also ein Werk, das nicht namentlich gekennzeichnet ist.
Da man bei anonymen Werken den Urheber nicht kennt oder kennen soll, knüpfen Vorschriften, die über die Dauer des urheberrechtlichen Schutzes entscheiden, üblicherweise nicht an das Todesdatum des Urhebers an, sondern an den Zeitpunkt der Erstveröffentlichung.
Sinn dieser Normen, die in Deutschland bis auf das Jahr 1870 zurückgehen, ist es an sich, dem Nutzer Rechtssicherheit zu verschaffen. Es bestehen trotzdem große rechtliche Unsicherheiten für die potenziellen Verwender anonymer Werke. In den USA ist die Gefahr durch unvorgesehen auftauchende Rechteinhaber von anonymen Werken Gegenstand neuerer Vorschläge zur Gesetzesänderung.
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Aktuelle Rechtslage in Deutschland
Die europaweite Regelschutzfrist besagt, dass ein Werk bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers urheberrechtlich geschützt ist.
Der Wunsch eines Urhebers, anonym zu bleiben, wird in Deutschland und anderen Rechtsordnungen ausdrücklich respektiert.
Bei einem anonymen Werk erlischt (gemäß § 66 UrhG) aber das Urheberrecht siebzig Jahre nach Veröffentlichung. Ist das Werk 70 Jahre nach Schaffung noch nicht veröffentlicht, läuft die Schutzfrist 70 Jahre nach Schaffung. Häufig ist die Schutzfrist bei anonymen Werken kürzer als die Regelschutzfrist, es kann sich aber auch eine längere Schutzfrist ergeben.
Bekennt sich der Urheber innerhalb von siebzig Jahren nach Veröffentlichung zu seinem Werk, so gilt die Regelschutzfrist von 70 Jahren nach seinem Tod. Nach seinem Tod dürfen eine solche Offenbarung nur sein Rechtsnachfolger (Erbe) oder der Testamentsvollstrecker vornehmen.
Beispiel: Eine Frau schreibt im Jahr 2000 ihre Lebenserinnerungen nieder. Nach ihrem Tod im Jahr 2004 erscheinen diese anonym im Jahr 2010. Kurz danach gelingt es einem Literaturwissenschaftler, die Autorin zu identifizieren (zu einem realen Fall siehe zum Beispiel Eine Frau in Berlin). Er veröffentlicht seine Entdeckung, aber die Tochter der Autorin als Alleinerbin gibt keine Stellungnahme ab. Die Schutzfrist läuft 70 Jahre nach Veröffentlichung, da keine befugte Offenbarung durch die Berechtigte vorliegt, also bis 2080. Das Werk ist damit sechs Jahre länger geschützt als die Regelschutzfrist (70 Jahre nach dem Tod der Autorin) vorsieht.
Für zahlreiche vor dem 1. Juli 1995 geschaffene anonyme Werke ist nach wie vor die frühere Rechtslage relevant (siehe dazu weiter unten).
Vertretung des anonymen Urhebers
Bei erschienenen Werken ohne Urheberbezeichnung kommt § 10 Abs. 2 UrhG in Betracht: Es darf dann vermutet werden, dass der auf den Vervielfältigungsstücken bezeichnete Herausgeber oder - wenn es keinen solchen gibt - der so bezeichnete Verleger ermächtigt ist, die Rechte des Urhebers geltend zu machen. Auf diese Weise soll der Urheber anonym bleiben können.
Deckname oder Künstlerzeichen
Liegt eine Bezeichnung vor, die als Deckname oder Künstlerzeichen des Urhebers bekannt ist, so ist nach § 10 UrhG bis zum Beweis des Gegenteils davon auszugehen, dass derjenige, der diesen Decknamen oder das Künstlerzeichen führt, der Urheber ist. An die Bekanntheit von Decknamen und Künstlerzeichen sind keine hohen Anforderungen zu stellen (Schulze, in: Dreier/Schulze, Urheberrechtsgesetz, München 2004, § 10 Rdnr. 9). Liegt ein bekannter Deckname oder ein bekanntes Künstlerzeichen vor, so gilt gemäß § 66 UrhG die Regelschutzfrist nach den §§ 64 und 65, da das vom Urheber angenommene Pseudonym keinen Zweifel an seiner Identität zulässt. Es liegt also kein anonymes Werk vor.
Beispiele für bekannte Decknamen sind im Textbereich etwa die Initialen von Journalisten bei Zeitungsveröffentlichungen. Als Künstlerzeichen kommen Initialen, Logos und grafische Symbole in Betracht. Auch die Punzierstempel der Gold- und Silberschmiede sind Künstlerzeichen.
Hinsichtlich der Frage, auf welchen Zeitpunkt sich die Bekanntheit des Decknamens oder Künstlerzeichens bezieht, ist wohl auf den Zeitpunkt der Erstellung des Werks abzuheben. Es kann sich also auch noch nach Jahrzehnten der Sohn eines Journalisten melden, sein Vater habe unter einem bestimmten Kürzel in der X-Zeitung geschrieben. Kann glaubhaft gemacht werden, dass das Kürzel in irgendeiner schlüssigen Verbindung mit dem Namen des Journalisten steht und dass der Journalist tatsächlich für die X-Zeitung geschrieben hat, so wird ein Richter den Sohn gemäß der gesetzlichen Vermutung des § 10 UrhG als befugt ansehen, die Urheberrechte seines Vaters wahrzunehmen, sofern dieser keine 70 Jahre tot ist.
Frühere Rechtslage in Deutschland
Aufgrund des so genannten Übergangsrechts gilt nach wie vor die frühere Rechtslage für Werke, die vor dem Inkrafttreten der Urheberrechts-Änderung vom 1. Juli 1995 geschaffen wurden. Die alte Rechtslage ist anzuwenden, wenn durch Anwendung der neuen Vorschriften die Schutzfrist verkürzt werden würde. Dies muss bei sehr vielen Fällen berücksichtigt werden.
Die alte Fassung von § 66 UrhG lautete (Quellenangabe):
- § 66 Anonyme und pseudonyme Werke
- (1) Ist der wahre Name oder der bekannte Deckname des Urhebers weder nach § 10 Abs. 1 noch bei einer öffentlichen Wiedergabe des Werkes angegeben worden, so erlischt das Urheberrecht siebzig Jahre nach der Veröffentlichung des Werkes.
- (2) Die Dauer des Urheberrechts berechnet sich auch im Falle des Absatzes 1 nach den §§ 64 und 65, 1. wenn innerhalb der in Absatz 1 bezeichneten Frist der wahre Name oder der bekannte Deckname des Urhebers nach § 10 Abs. 1 angegeben oder der Urheber auf andere Weise als Schöpfer des Werkes bekannt wird,
- 1. wenn innerhalb der in Absatz 1 bezeichneten Frist der wahre Name oder der bekannte Deckname des Urhebers nach § 10 Abs. 1 angegeben oder der Urheber auf andere Weise als Schöpfer des Werkes bekannt wird,
- 2. wenn innerhalb der in Absatz 1 bezeichneten Frist der wahre Name des Urhebers zur Eintragung in die Urheberrolle (§ 138) angemeldet wird,
- 3. wenn das Werk erst nach dem Tode des Urhebers veröffentlicht wird.
- 1. wenn innerhalb der in Absatz 1 bezeichneten Frist der wahre Name oder der bekannte Deckname des Urhebers nach § 10 Abs. 1 angegeben oder der Urheber auf andere Weise als Schöpfer des Werkes bekannt wird,
- (3) Zur Anmeldung nach Absatz 2 Nr. 2 sind der Urheber, nach seinem Tode sein Rechtsnachfolger (§ 30) oder der Testamentsvollstrecker (§ 28 Abs. 2) berechtigt.
- (4) Die vorstehenden Bestimmungen sind auf Werke der bildenden Künste nicht anzuwenden.
Diese Fassung weist in einigen Punkten erhebliche Unterschiede zum neuen Recht auf, die mit den folgenden Beispielen erläutert werden.
Beispiele:
1. Ein namentlich nicht gekennzeichnetes Wahlkampfplakat aus dem Jahr 1933 wird von einem 1950 gestorbenen Künstler geschaffen. Nach neuem Recht wäre es 2004 gemeinfrei, also 70 Jahre nach Veröffentlichung, sofern keine Offenbarung seitens des Urhebers oder seiner Rechtsnachfolger erfolgte. Während Fotografien nicht als Werke der bildenden Kunst im Sinne von § 66 Abs. 4 alter Fassung gelten, handelt es sich bei dem Wahlkampfplakat um ein Werk der bildenden Kunst und zwar der angewandten Kunst. Aufgrund von Absatz 4 läuft die Schutzfrist nach altem Recht erst 2020, 70 Jahre nach dem Tod des Künstlers, aus. Da die Anwendung des neuen Rechts eine Verkürzung der Schutzfrist bedeuten würde, ist altes Recht anzuwenden und das Plakat noch bis 2020 geschützt. Rechtlich irrelevant ist bei dieser Rechnung, dass ein potentieller Nutzer ja gar nicht weiß, wann der Urheber verstorben ist, da das Plakat anonym ist. Da es nicht völlig undenkbar ist, dass ein 13-Jähriger das Plakat 1933 geschaffen hat, der gut und gerne 100 Jahre leben könnte, also bis 2020, müsste ein Verwerter bis 70 Jahre nach dem Tod dieses Urhebers, also 2090, theoretisch damit rechnen, dass ihn ein Anwalt im Auftrag der Erben des früh vollendeten Künstlers wegen Urheberrechtsverletzung kontaktiert.
2. Ein Forscher findet in einer alten Zeitung von 1933 ein Foto abgedruckt, bei dem die Angabe des Fotografen fehlt. In der Annahme, dass die 70-jährige Schutzfrist nach Veröffentlichung abgelaufen ist, publiziert er es im Jahr 2005. Ein Rechtsanwalt kontaktiert ihn und weist anhand eines alten Abzugs im Stadtarchiv X. nach, dass dort der Fotograf seinen Namen angegeben hat. Es gilt also die Regelschutzfrist, die höchstwahrscheinlich noch nicht abgelaufen ist (soweit der Fotograf nach 1934 verstorben ist). Ebenso verhält es sich, wenn der Rechtsanwalt das gleiche Foto in einem anderen Presseorgan mit Namensnennung belegen kann oder wenn er durch Zeugenaussagen glaubhaft machen kann, dass sich der Fotograf bei einer Zusammenkunft des Heimatvereins Y. im Jahr 1935 als Urheber bekannt hat oder wenn er ein zeithistorisches Werk anführen kann, in dem der Fotograf ermittelt wurde. Anders als bei dem neuen Recht konnte die Bekanntgabe nach alter Rechtslage auch auf andere Weise als durch befugte Offenbarung erfolgen (etwa durch Indiskretion). Es liegt auf der Hand, dass ein potentieller Nutzer des Fotos faktisch keinen schlüssigen Beweis führen kann, dass der Name des Fotografen nie bekannt geworden ist.
3. Ein Forscher findet in einem Archiv eine namentlich nicht gekennzeichnete unveröffentlichte Denkschrift aus dem Jahr 1933. Da § 66 alter Fassung nicht für unveröffentlichte Werke galt, ist die - in der Regel längere -Regelschutzfrist von 70 Jahren nach Tod des Urhebers zugrundezulegen. Auch hier spielt es keine Rolle, dass ein potentieller Nutzer so gut wie nie eine Chance hat, den Urheber und damit sein Todesjahr zu ermitteln.
Rechtslage in Österreich und der Europäischen Union
§ 61 des österreichischen Gesetzes sieht vor: Das Urheberrecht an Werken, deren Urheber (§ 10 Abs. 1) nicht auf eine Art bezeichnet worden ist, die nach § 12 die Vermutung der Urheberschaft begründet, endet siebzig Jahre nach ihrer Schaffung. Wenn aber das Werk vor dem Ablauf dieser Frist veröffentlicht wird, endet das Urheberrecht siebzig Jahre nach der Veröffentlichung.
Dies entspricht im Kern der deutschen Regelung. In der Schweiz gilt Ähnliches (siehe Art. 31 URG).
Die entsprechende Vorschrift (Artikel 1 Absatz 3) der Richtlinie 93/98/EWG des Rates vom 29. Oktober 1993 zur Harmonisierung der Schutzdauer des Urheberrechts und bestimmter verwandter Schutzrechte lautet: Für anonyme und pseudonyme Werke endet die Schutzdauer siebzig Jahre, nachdem das Werk erlaubterweise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist. Wenn jedoch das vom Urheber angenommene Pseudonym keinerlei Zweifel über die Identität des Urhebers zulässt oder wenn der Urheber innerhalb der in Satz 1 angegebenen Frist seine Identität offenbart, richtet sich die Schutzdauer nach Absatz 1. (Quellenangabe)
Reformbestrebungen
Einwände bezüglich der Unsicherheiten bei anonymen Werken, die Rechtslage und Lösungsmöglichkeiten solcher Situationen wurden in einem 2006 veröffentlichten Bericht des amerikanischen Copyright Office diskutiert.[1] In Europa existiert derzeit noch keine Debatte über dieses Thema.
Der derzeitige Vorschlag des Copyright Office zielt darauf ab, die Haftung bei der Nutzung von anonymen Werke unter gewissen Umständen zu beschränken: Kann man nachweisen, dass man in vernünftigem Umfang nach dem Rechteinhaber geforscht hat und ihn trotzdem nicht finden konnte, meldet sich aber trotzdem jemand und macht eine Verletzung seiner Rechte geltend, ist sein Entschädigungsanspruch stark reduziert. Bei nichtkommerzieller Verwendung soll er sogar ganz wegfallen, wenn die Verwendung sofort eingestellt wird. Zudem sollen Bearbeitungen mit hinreichenden eigenen kreativen Elementen von Unterlassungsansprüchen ausgenommen sein, wenn eine den Umständen entsprechende Entschädigung gezahlt wird. Ein radikalerer Lösungsvorschlag, wonach anonyme Werke gemeinfrei werden sollten, erhielt keine Zustimmung durch das Copyright Office.
Ein amerikanischer Verband von Fotografen und Illustratoren hat eine Kampagne gestartet, die sich gegen diesen Gesetzesvorschlag stellt.[2] Sie argumentieren, dass oft Werke verwendet werden, ohne dass der Name des ursprünglichen Autors angegeben wird – insbesondere bei Pressefotos. Reicht ein Fotograf seine Bilder bei seiner Agentur ein und lässt diese Agentur seine Bilder weiterverbreiten, so entstehe sehr schnell die Gefahr, dass diese Bilder verwaisen und anonymen Charakter erhalten, weil dem Bild kaum noch eine eindeutige Agentur bzw. Urheberschaft zugeordnet werden kann. Der Urheber des Materials hätte dann kaum noch eine Handhabe, die Verwendung seiner Werke zu verhindern.
Kanada hat in dieser Frage einen anderen Weg beschritten: Wer anonyme Werke verwendet, muss eine gesetzlich vorgeschriebene Abgabe bezahlen.
Literatur
- Thomas Dreier/Gernot Schulze, Urheberrechtsgesetz, München: C.H. Beck 2004 ISBN 3406512607
Weblinks
Quellenangaben
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