Analogie (Philosophie)
Aus Kefk
Analogie (von griech. analogia „Verhältnis“) bezeichnet in der Philosophie eine Form der Übereinstimmung von Gegenständen hinsichtlich gewisser Merkmale. In der Antike wurde der Begriff ursprünglich als Fachausdruck für die Bezeichnung mathematischer Verhältnisse (Proportionen) verwendet. Später bezeichnete er auch Verhältnisse, die nicht streng quantitativer Art sind. In der Philosophie des Mittelalters spielte die Analogie eine große Rolle im Zusammenhang mit der Frage, wie sinnvoll über Gott geredet werden könne. Die Analogielehre bezog sich hier v.a. auf semantische Probleme, die beim Gebrauch von Begriffen und ihrer Bedeutungsübertragung entstehen.
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Der Begriff
Der Begriff „Analogie“ wird in der Sprachphilosophie von den Begriffen „Univozität“ und „Äquivozität“ abgegrenzt. Von Univozität spricht man, wenn ein Wort in verschiedenen Zusammenhängen in je identischer Bedeutung verwendet wird. Äquivozität besagt, dass dem gleichen Wort völlig verschiedene Bedeutungen in verschiedenen Verwendungen zukommen. Ein klassisches Beispiel hierfür ist das Wort „Strauß“, das ein Blumengebinde, einen Kampf und eine Vogelart bezeichnen kann. Es handelt sich hier also genau genommen um drei verschiedene Begriffe, die mit dem selben Wort (verstanden als bloße Lautfolge) bezeichnet werden. Von Analogie spricht man, wenn ein Wort bei verschiedenen Verwendungen zwar verschiedene Bedeutungen aufweist, die aber noch eine gewisse Ähnlichkeit miteinander haben. Ein Beispiel dafür ist die „Metapher“. Spricht man z.B. vom „Haupt der Familie“ so bezeichnet das Wort „Haupt“ in dieser Verwendung keinen Körperteil eines Lebewesens. Dennoch liegt eine Entsprechung zu dieser Bedeutung vor, denn ähnlich wie die Bedeutung des Körperteils für das gesamte Lebewesen ist die Bedeutung des betreffenden Familienmitglieds für die gesamte Familie. Der analoge Gebrauch von Wörtern stellt den Nomalfall in der Umgangssprache dar.
Die philosophische Problemstellung
Aus der Beobachtung, dass der analoge Sprachgebrauch den Normalfall darstellt, ergibt sich die Frage, ob diesem Sprachgebrauch auch eine analoge Struktur der Wirklichkeit entspricht. Das Problem der Analogie weist hier eine hohe Verwandtschaft mit dem Universalienproblem auf. Weiterhin stellt sich die Frage, wie eine solche ontologische Analogie zu denken wäre. Hier wird das grundsätzliche Problem der Identität und Differenz von „Gegenständen“ berührt, das in der Tradition auch unter dem Stichwort der „Dialektik“ abgehandelt wird.
Das Verständnis der Analogie hat unmittelbare Auswirkungen auf den Seinsbegriff und damit auf die Art der betriebenen Metaphysik. Aus einer analogen Struktur der Wirklichkeit ergibt sich ein dialektischer Seinsbegriff, indem das Sein als Fülle verstanden wird, worin alles übereinkommt und sich zugleich darin unterscheidet. Die Auffassung, die an der eindeutigen Struktur der Wirklichkeit festhält, führt zu einem univoken und damit letztlich leeren Seinsbegriff. Dieser Ansatz mündet in einer Wesensmetaphysik, in der Sein nur noch als das begriffen wird, was dem Wesen Existenz verleiht („Realdistinktion zwischen Sein und Wesen“).
Von größter Bedeutung ist der Begriff der Analogie für die Rede über Gott. Die Fragestellung ist hier, ob es zulässig ist, mit den Begriffen aus der „geschöpfllichen Wirklichkeit“ Aussagen über eine als „ganz andere“ verstandene Wirklichkeit treffen zu können. In der religiösen Sprache geschieht dies auf völlig selbstverständliche Weise. So heißt es z.B. in Psalm 18:
- „Ich will dich rühmen, Herr, meine Stärke,
- Herr, du mein Fels, meine Burg, mein Retter,
- mein Gott, meine Feste, in der ich mich berge,
- mein Schild und sicheres Heil, meine Zuflucht.
- Ich rufe: Der Herr sei gepriesen!,
- und ich werde vor meinen Feinden gerettet“.
Die analoge oder dialektische Rede von Gott kommt klassisch in der Lehre von den drei Wegen bei Dionysius Areopagita zur Sprache:
- Auf dem „Weg der Bejahung“ behaupten wir alles über Gott, was wir in der Welt bzw. in uns selbst als Vollkommenheit feststellen können. Dies können wir tun, da Gott die letzte Ursache aller Wirklichkeit ist und zwischen Ursache und Wirkung eine gewisse Ähnlichkeit besteht.
- Auf dem „Weg der Verneinung“ entfernen wir aus unseren Aussagen über Gott alle Aspekte, die aus der Unvollkommenheit des geschöpfllichen Ursprungs rühren und Gott unangemessen sind.
- auf dem „Weg des Überstiegs“ schließlich werden die durch die Negation der affirmativen Aussage aufgezeigten Grenzen „überstiegen“ und die jede endliche Bestimmung übertreffende Wirklichkeit Gottes freigelegt.
Bei diesen drei Schritten handelt es sich nicht um drei verschiedene Zugänge zu Gott, sondern um drei aufeinander bezogene Aspekte unserer natürlichen Gotteserkenntnis.
Die Diskussion des Begriffs in der Philosophiegeschichte
Antike
Der Begriff der „Analogie“ tauchte als Terminus bereits bei den Pythagoräern als Bezeichnung einer mathematischen Verhältnisgleichheit auf („8:4 ist analog zu 4:2 mit dem gleichen Logos 2:1“). Hier ist aber eigentlich noch von einem univoken Beziehungsverhältnis die Rede. Im eigentlichen Sinne wurde der Begriff erst von Platon in die Philosophie eingeführt. Hier dient die Analogie v.a. als Mittel zur Erkenntnis der intelligiblen Welt. Da nach Platon die Welt des Sichtbaren Abbild der Welt der Ideen ist, kann die Ideenwelt auf dem Wege der Analogie erkannt werden. Die berühmtesten Beispiele hierfür sind das Höhlengleichnis und der Vergleich der göttlichen Idee des Guten mit der Strahlen aussendenden Sonne (Die Idee des Guten erzeugt sich die Sonne als ihr „analogon“ [1].
Aristoteles teilte die Lebewesen auf Grund analoger Funktionen in Klassen ein. In der Ethik definiert er die distributive Gerechtigkeit als die Analogie derjenigen Verhältnisse, in denen jedem Beteiligten das Seine zukomme (Nikomachische Ethik) [2]. In der Metaphysik stellt er fest, dass das „Sein“ in „vielfacher Weise“ ausgesagt werde, aber immer „auf eines hin“, die Substanz, der das Sein zunächst zukomme, während die Akzidentien ihr Sein nur in Bezug auf die Substanz haben[3]. Aristoteles spricht zwar in diesem Zusammenhang noch nicht von Analogie, dieser Sachverhalt wird jedoch in der weiteren Philosophiegeschichte als Lehre von der „Analogia entis“ wieder aufgegriffen.
Der Neuplatonismus lehrt in Anknüpfung an das platonische Urbild-Abbild-Schema die analoge Struktur der verschiedenen Seinsbereiche. Der göttliche Ursprung ist zwar in seinen Wirkungen gegenwärtig; diese bleiben hinter jenem jedoch an Seinsfülle zurück. Das göttliche Urbild kann daher zwar von den Wirkungen her erfasst werden, aber nur inadäquat, analog. Alle Kategorien der sichtbaren Welt gelten für die geistige nur analog.
Mittelalter
Die Scholastik des 13. Jh.s bestimmte das Verhältnis von Gott und Geschöpf als Analogie. Gott und Geschöpf seien sich zwar ähnlich, doch sei diese Ähnlichkeit mit einer noch größeren Unähnlichkeit behaftet. Mit dieser Kompromisslösung wollte man sowohl den Pantheismus wie den Agnostizismus vermeiden. Ausgangspunkt war dabei die Lehre des arabischen Aristotelikers Averroes, der die Annahme vertrat, die Analogie sei ein Mittleres zwischen gänzlicher Gleichheit (Univozität) und gänzlicher Verschiedenheit (Äquivozität).
Die Scholastik unterschied zwischen einer Analogie der Attribution („analogia attributionis“) und einer Analogie der Proportionalität („analogia proportionalitatis“). Die „analogia attributionis“ bezeichnet das Verhältnis zweier „Gegenstände“ zueinander. Dabei kommt der analoge Begriffsinhalt einem ersten Gegenstand in einem primären Sinne zu und wird auf einen zweiten Gegenstand in abgeleiteter Weise übertragen. So sprechen wir von einem „gesunden“ Heiltrunk, weil er der Gesundheit eines Lebewesens dient, von dem in erster Linie der Begriff „gesund“ ausgesagt wird (vgl. Thomas von Aquin, „Summa theologiae“). Auch den Begriff „Sein“ verwenden wir in dieser Weise. Er wird sowohl von Gott ausgesagt (ihm „attribuiert“), dem das Sein im primären Sinne zukommt, als auch von allen endlichen Geschöpfen, die in ihrem Sein von Gott abhängen. Bei der „analogia proportionalitatis“ geht es um die Ähnlichkeit von Verhältnissen. Als Beispiel verwendet Thomas das leibliche Sehen und die geistige Einsicht:
- „Nach der zweiten Weise wird etwas analogisch ausgesagt, wie z.B. das Wort ‚Sehen’ (visus) vom leiblichen Sehen und vom Verstand gesagt wird, weil wie das Sehen im Auge, so die Einsicht (intellectus) im Geist ist“ [4]
Der wichtigste Kritiker der scholastischen Analogiekonzeption ist Johannes Duns Scotus. Hintergrund seiner Kritik ist die Betonung der vollkommenen Andersartigkeit Gottes gegenüber seinen Geschöpfen:
- „Ich sage, Gott werde nicht nur in einem Begriff gedacht, der analog ist zu dem Begriff des Geschöpfes, selbst aber ein völlig anderer ist als der Begriff, der vom Geschöpf ausgesagt wird, sondern auch in einem Gott und dem Geschöpf eindeutigen Begriff [in conceptu univoco]“ [5].
Für Duns Scotus enthält daher der Begriff „Sein“ weder den Begriff „endlich“ noch den Begriff „unendlich“. Er ist seiner Ansicht nach eindeutig und damit letztlich völlig inhaltsleer, da er keinerlei Differenzen mehr umfasst. Duns Scotus Lehre von der Univozität des Seinsbegriffes motiviert nominalistische Auffassungen, welche die Verbindung von Begriff und Wirklichkeit lockern.
20. Jahrhundert
Im 20. Jhd. wird die Analogielehre besonders von dialektischen Theologen, welche den Unterschied von Gott und Kreatur stark betonen, einer radikalen Kritik unterzogen. In der evangelischen Theologie lehnt Karl Barth die Vorstellung einer Seinsanalogie strikt ab. Er stellt dieser den Begriff der „analogia fidei“ entgegen: Die Analogie der Geschöpfe zu Gott könne nicht in der Erkenntnis des Seins mittels der natürlichen Vernunft, sondern nur im Glauben erfolgen. Für die katholische Theologie hingegen betont besonders Erich Przywara die „analogia entis“ als Prinzip einer „Formeinheit“ von Philosophie und Theologie. Ausgangspunkt ist für ihn der Satz des 4. Laterankonzils (1215): „Zwischen Schöpfer und Geschöpf gibt es keine Ähnlichkeit (similitudo), ohne dass diese von einer noch größeren Unähnlichkeit (dissimilitudo) begleitet wäre (inter creatorem et creaturam non potest tanta similitudo notari, quin inter eos maior sit dissimilitudo notanda)“ (DH 806)[6]. Dies veranlasst ihn zu der Folgerung, dass die Analogie „letzter subjektiver Rhythmus im Sein und letzter subjektiver Rhythmus im Denken“ sei.[7]
Quellen
- . Platon: Politeia. 508b, nach der Stephanus-Paginierung
- . Aristoteles: Nikomachische Ethik. 1131ff.
- . Aristoteles: Metaphysik. 1003a 32ff.
- . Thomas von Aquin: De veritate. q.2 a.11. Zit. bei Josef de Vries: Analogie. In : Grundbegriffe der Scholastik. 3. Aufl. Darmstadt 1993, ISBN 3-534-05985-9 .
- . Johannes Duns Scotus: Ordinatio. Zit. bei: Josef de Vries: Analogie. In : Grundbegriffe der Scholastik. 3. Aufl. Darmstadt 1993, ISBN 3-534-05985-9
- . siehe Heinrich Denzinger: Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hrsg. von: Peter Hünermann, Freiburg/Basel/Wien 40. Aufl. 2005
- . LThK:„Analogia Entis“.
Literatur
- Artikel „Analogie“ in folgenden Lexika:
- Hermann Krings, Hans M. Baumgartner, Christoph Wild (Hrsg.): Handbuch philosophischer Grundbegriffe, 6 Bände, Kösel, München 1973, ISBN 3466400619
- Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. 4 Bände, Bibliographisches Institut, Mannheim u.a. 1980-1996, ISBN 3-411-01603-5
- Friedo Ricken (Hrsg.): Lexikon der Erkenntnistheorie und Metaphysik. Beck, München 1984, ISBN 3-406-09288-8
- Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften. 4 Bände, Meiner, Hamburg 1990, ISBN 3-7873-0983-7
- Religion in Geschichte und Gegenwart
- Lorenz Bruno Puntel: Analogie und Geschichtlichkeit, Herder, Freiburg i.Br. 1969
- Erich Przywara: Analogia entis. Metaphysik, Einsiedeln 1962.
Siehe auch
Weblinks
- Theologische Positionen von Balthasars These: Analogia entis meint die "Konvertibilität von Sein und Liebe".
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