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Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie
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Die Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie (AÄGP) ging Mitte der Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts aus einer breiten Bewegung unter deutschen Medizinern hervor, denen sich auch zahlreiche Ärzte aus anderen europäischen Ländern anschlossen. Wegen seiner ganzheitlich-personalen und psychosomatischen Ausrichtung hatte psychotherapeutisches Gedankengut das Interesse von Ärzten aller Fachrichtungen gefunden. Die Speerspitze dieser Entwicklung wurde gebildet von jüngeren Psychiatern, die der traditionell biologisch und überwiegend an der Hirnforschung orientierten Universitätspsychiatrie eine – damals ausdrücklich Neue Richtung genannte – sachliche Ergänzung und wissenschaftliche Erweiterung zu verschaffen versuchten.
1926 gilt weithin als das Geburtsjahr der AÄGP. Tatsächlich war bereits auf dem I. Allgemeinen ärztlichen Kongress für Psychotherapie ihre Gründung vorgesehen, der auf Initiative von Wladimir Eliasberg damals vom 17. bis 19. April in Baden-Baden stattfand; aus taktischen Gründen wurde dieser Schritt auf der Tagung jedoch zurückgestellt. [1]
Nach neuesten Forschungen wurde die AÄGP am 1. Dezember 1927 in Berlin gegründet. ([2]) Hier bildete sich ihre offenbar auch erste Ortsgruppe, deren konstituierende Sitzung kurze Zeit darauf am 5. März 1928 im Hörsaal der Psychiatrischen Klinik der Charité stattfand, auf der eines der rührigsten Gründungsmitglieder der AÄGP Arthur Kronfeld einen breitgefächerten Überblick über den "psychotherapeutischen Gedanken in der heutigen Medizin" gab.
Zu den Mitgliedern der AÄGP zählten so renommierte Vertreter verschiedener tiefenpsychologischer Schulen wie Alfred Adler, Wilhelm Stekel, Wilhelm Reich, C.G. Jung und Karen Horney, der Neurologe und Psychosomatiker Viktor von Weizsäcker, aber auch Psychiater wie Eugen Bleuler und Ludwig Binswanger oder der bekannte Nervenarzt und Schriftsteller Alfred Döblin. Ihre sechs Kongresse bis 1931 wurden nach den vorliegenden Zahlen in den ersten Kongreßbänden jedes Mal von Hunderten von Teilnehmern aus dem In- und Ausland besucht. Ab 1928 gab sie mit der Allgemeinen Ärztlichen Zeitschrift für Psychotherapie und psychische Hygiene auch ein eigenes Verbandsorgan heraus, das ab 1930 anderen wissenschaftlichen Zeitschriften entsprechend zum Zentralblatt für Psychotherapie umbenannt wurde. [3]
Mit der Machtübernahme Hitlers brach 1933 auch diese vielversprechende Entwicklung zusammen. Nach dem Rücktritt des bisherigen Präsidenten der AÄGP Ernst Kretschmer fiel ihr Vorsitz seinem Stellvertreter, dem Schweizer C.G. Jung zu. Er ließ sich von nationalsozialistisch orientierten Mitgliedern der AÄGP in Deutschland allem Anschein nach gerne einspannen, nach außen die "Überstaatlichkeit" der Gesellschaft zu vertreten; in Deutschland erzwangen sie dagegen einen strikten Anpassungskurs an den Nationalsozialismus ([4]), den sie übrigens ab 1934 auf ihren Tagungen und Kongressen sogar offensiv als Vorbild für Psychotherapeuten in anderen europäischen Ländern hinstellten ([5]). Zu diesem Zweck wurde am 15. September 1933 eine Deutsche allgemeine ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie (DAÄGP) gegründet, in deren Satzung bedingungslose Treue der Mitglieder gegenüber dem Führer verlangt wurde ([6]). Ihr Vorsitz wurde gezielt einem Vetter von Hermann Göring, dem Nervenarzt Matthias Heinrich Göring übertragen, der 1936 auch die Leitung des Deutschen Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie in Berlin übernahm – inoffiziell deswegen auch Göring Institut genannt.[7]
Am 12. Mai 1934 erfolgte auf dem VII. Kongreß für Psychotherapie in Bad Nauheimn, der – inkl. der sieben aus dem (vorwiegend schweizerischen) Ausland – nur noch von 77 Teilnehmern besucht wurde, die offizielle Gründung der Überstaatlichen allgemeinen ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie (ÜAÄGP; in der Verbandszeitschrift Zentralblatt für Psychotherapie, das unter der offiziellen Herausgeberschaft von C.G.Jung, ab 1936 auch von dem Vorsitzenden der "deutschen Landesgruppe" M. H. Göring weiter in Deutschland verlegt und hauptsächlich von deutschen Psychotherapeuten redigiert wurde, wurde die ÜAÄGP ab 1935 zunächst im Geleitwort zum ersten Heft, ab dem fünften dann auch auf dem Titelblatt zur Internationalen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie umbenannt, während diese Namensänderung "offiziell" erst im November 1937 erfolgte). Die IAÄGP konnte im Oktober 1937 in Kopenhagen und im Sommer 1938 in London zwei internationale Kongresse veranstalten - bevor ihr Präsident C. G. Jung 1940 von allen seinen Ämtern zurücktrat und sie unter seinem damaligen offiziellen Vizepräsidenten, dem Engländer Hugh Crichton-Miller faktisch ganz dem deutschen Einfluß überlies. 1944 hörte die AÄGP mit der Einstellung des Erscheinens ihres Zentralblattes auf zu existieren. [8]
Wiedergegründet wurde die AÄGP durch Ernst Kretschmer im Jahre 1948. Von ihr ging 1950 die Initiative zur Einrichtung der Lindauer Psychotherapiewochen aus, die in Deutschland wohl bedeutendste Psychotherapie-Fortbildungsveranstaltung.
2005 fusionierte die AÄGP mit der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie unter weitgehender Aufgabe ihres Namens zur Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie (DGPM). Diese bildet heute mit etwa 2000 Mitgliedern den größten ärztlichen Berufsverband auf diesem Gebiet.
Literatur
- Eliasberg, Wladimir (Hrsg.): Psychotherapie. Bericht über den I. Allgemeinen ärztlichen Kongress für Psychotherapie in Baden-Baden, 17.-19. April 1926. Marhold, Halle 1927 (auch Hrsg. der Berichte über den 2. u. 3. Kongress 1927 und 1928 bei Hirzel, Leipzig 1927 und 1929, während die Berichte über den 4.-6. Kongress in den Jahren 1929-1931 von dem damaligen Geschäftsführer der AÄGP Walter Cimbal herausgegeben wurden)
- Kronfeld, Arthur: Der psychotherapeutische Gedanke in der heutigen Medizin. Dt.med.Wschr. 54 (1928) 685-687, 733-736 und 772-774
- Zeller, Uwe: Psychotherapie in der Weimarer Zeit - die Gründung der "Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie" (AÄGP). MVK Medien Verlag Köhler, Tübingen 2001
