Etwa seit den 1980er Jahren findet der konstruktivistische Ansatz auch zunehmend Anwendung im Kontext der Sozial- und Kulturwissenschaften, wo Rogier Chartier mittlerweile sogar eine Verschiebung »von der Sozialgeschichte der Kultur zur Kulturgeschichte der Gesellschaft« [1] konstatieren möchte; die Psychologie stelle Wahrnehmung zunehmend als aktiven Vorgang dar, statt als bloße Spiegelung des Wahrgenommenen, Soziologen, Anthropologen und Historiker sprächen immer häufiger von der ›Erfindung‹ oder ›Konstituierung‹ der ethnischen Zugehörigkeit, der Klasse, des Geschlechts, von Traditionen, individuellen Identitäten oder sogar der Gesellschaft; dabei würde die Untersuchung sozialer Strukturen wie Zwängen und sozialen Determinierungen durch eine »nahezu schwindelerregende Freiheit« ersetzt, so der Kulturhistoriker Peter Burke [2]
Auch die Rolle von enzyklopädischen Bildungs- und Nachschlagewerken wurde aus konstruktivistischer Perspektive untersucht, so zuletzt die »Konstruktion von Kindheit in deutschsprachigen Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts« durch Lucia Amberg [3] und die Konstruktion der australischen Nation in der Australian Encyclopedia durch Nadine Hagen [4].
fn1. Rogier Chartier: »Le Monde comme représentation«, in: Annales: économies, sociétés, civilisations 44 (1989): 1505-1520, zit. in: Burke 2005: 111.
fn2. Burke 2005: 113 s.
fn3. Amberg 2004.
fn4. Hagen 2005.