Erkenntnis, Wissen und Bildung.
Folgt man der aristotelischen Metaphysik, begehren alle Menschen ihrem Wesen nach, zu wissen bzw. zu verstehen (ειδεναι) [1]; der Wortstamm für dieses wissen ist das indogermanische *woida und das altgriechische οιδα, aus dem sich auch das althochdeutsche wizzan mit gleicher Bedeutung und ähnlicher Konnotation ableitet: »ich habe gesehen«, »ich habe erkannt«. Entsprechend beginnt die Erkenntnis bei Aristoteles bei der Sinneswahrnehmung (αισθησις), die dann über Gedächtnis und Erinnerung (μνημη) sowie Erfahrung (εμπειρια) schließlich zu praktischem Wissen (τεχνη) und Erkenntnis (επιστημη) führen. Auch επιστημη ließe sich als »Wissen« übersetzen, gemeint ist jedoch die wissens-schaffende Erkenntnis, zu der man durch eigenes Denken gelangt. Fremdes Wissen, das man erlernen – oder erlesen – kann, steht auf der (niedrigeren) Erkenntnisstufe der μνημη [2].
Ganz ähnlich unterschied bereits Heraklit zwischen Vielwisserei (πολυματθια) und Verstand (νοος) [3]: Die πολυματθια beruht, im Gegensatz zum νοος – auf Sammlung und Gedächtnis. Bereits die etymologische Wurzel und das zu ihr gehörige Umfeld der antiken griechischen Philosophie verweisen also auf ein Kernproblem von Erinnerungswissen und damit auch von enzyklopädischem Wissen: Es ist immer aus anderen Quellen kompiliert, vom Erkenntnisprozess und erst recht von der Erkenntnis selbst abgekoppelt. Es suggeriert dem Leser die Erkenntnis des ειδεναι, leistet aber eben dieses erkannt haben nicht: Es ist Vielwisserei ohne jeglichen Verstand. Gleichzeitig sahen auch die antiken Philosophen Wissen als notwendige Voraussetzung für Erkenntnis an und entwickelten daher Techniken des Erinnerns (Mnemotechnik [4]) und des Wiederfindens (Topik) sowie Systeme des Ordnens (Kategorienlehre) von Wissen. Als von der Oralität grundlegend geprägte Kultur bezogen sich diese Untersuchungen vornehmlich auf Dialog, Gespräch und Redekunst; erst in der Spätantike wurden sie an die veränderten Anforderungen der Literalität angepasst.
Bereits in den frühen Hochkulturen begann die Menschheit, institutionalisierte Wissensspeicher zum Sammeln und Bewahren des relevanten Wissens zu entwickeln, wenngleich sich das damals als bewahrenswert wahrgenommene Wissen natürlich ebenso vom heutigen Verständnis unterschied wie die Formen, in denen es die Ewigkeit überdauern sollte. Während sich Kulturen ohne schriftliche Aufzeichnungsformen beispielsweise Mechanismen wie der Mnemotechnik und der Kanonisierung1 bedienten, während Schriftkulturen Systeme wie die ägyptische Hieroglyphenschrift entwickelten, die »eine Art enzyklopädisches Bildlexikon darstellt und die ganze Welt im Tempel vergegenwärtigt«2. Hier repräsentierten die Hieroglyphen die Welt und die Welt wiederum wurde als ›göttliche Hieroglyphenschrift‹3 betrachtet.
Etwa ab dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert sind Bibliotheken bezeugt4; deren bekannteste dürfte wohl die angeblich unter Caesar verbrannte Bibliothek von Alexandria gewesen sein5, die sogar bereits eine aktive Sammeltätigkeit betrieben haben soll. Das flexibelste Speichermedium der Antike waren Papyrusbögen, die in Rollenform aufbewahrt wurden; im Unterschied zu Steintafeln und Tempelwänden der Hochkulturen des vorderen Orients waren diese Wissensspeicher bereits modularisier-, austausch- und erweiterbar sowie in einem gewissen Grad auch beweglich. In der Spätantike wurde der Papyrus durch Pergament, die Rolle durch den Kodex abgelöst; diese Speicherform war besser handhabbar, haltbarer und konnte beidseitig beschriftet werden. Das Reproduktionssystem war praktisch ausschließlich skriptografisch, Papyri und Kodices mussten in Skriptorien händisch kopiert werden, was kostspielig und zeitaufwändig war und die Verbreitung von verschriftetem Wissen wie der Suda (η Σουδα, 10. Jh.) begrenzte.
Eine grundsätzliche Veränderung der Wissensspeicher setzte durch den Übergang vom Publikationssystem der Skriptorien zum Typographeum – McLuhans »Gutenberg-Galaxis«6 – ein; der Buchdruck mit beweglichen Lettern fungierte hier als »Katalysator kulturellen Wandels«7, der weit über die unmittelbaren Auswirkungen der typografischen Reproduktionstechnik hinauswirkte8 und beispielsweise einen Buchmarkt im heutigen Verständnis ermöglichte.
Zu den universellsten Wissensspeichern des Abendlandes entwickelten sich Bücher, oder spezifischer: das »typographische Informationssystem« (Giesecke); wie die skriptographischen Rollen und Kodices wurden die typographischen Endprodukte in ortsgebundenen Bibliotheken gesammelt, aufbewahrt und dem Schriftkundigen dauerhaft zugänglich gemacht.
Bibliotheken sind Wissensspeicher, sie repräsentieren un-endliche Welt(en) komplett oder in Ausschnitten, in einer finiten Anzahl von Regalen; sie enthalten dabei jedoch nur ein bestimmtes Wissen: das Bücherwissen, und zwischen Büchern und Wirklichkeit besteht bekanntlich eine alte Feindschaft9. Anderes Wissen findet sich nicht in Büchern und daher erst recht nicht in Bibliotheken. Bibliotheken sind unhandlich und im engeren Wortsinne un-tragbar, man kann ein ganzes Leben mit dem Studium ihrer Bestände verbringen.
Enzyklopädien sind Bibliotheken im Kleinformat, sie repräsentieren meist genau eine Welt, diese aber möglichst umfassend. Sie sind meist weitaus handlicher und billiger als Bibliotheken, manche kann man sogar in die Tasche stecken, und vor allem kann man sie schnell konsultieren, oder vielleicht auch: konsumieren. Man liest sie heutzutage nie komplett, sondern immer häppchenweise, aufgereiht am Faden des Alphabets, dekontextualisiert und aus ihrem (Sach-) Zusammenhang gerissen. Dennoch wollen sie Zusammenhänge aufzeigen und das nachgeschlagende Ding in seinem Kontext darstellen – würden sie dies nicht wenigstens versuchen, wären sie keine Enzyklopädien. Sie wollen gleichzeitig Überblick ermöglichen – also Komplexität reduzieren – und die Fülle des Materials darstellen – denn sie wollen nicht lügen. Viele Enzyklopädien heißen nicht Enzyklopädie, sondern beispielsweise Bibliothek, Museum, Archiv, Schatzkammer, Schaubühne, Theatrum, Spiegel oder gar Wörterbuch – und manche angeblichen Enzyklopädien sind eigentlich gar keine. Es gibt mittlerweile so viele von ihnen, dass sie eine ganze Bibliothek füllen und gewissermaßen eine Meta-Welt darstellen können; gleichzeitig verschlingen sie andere Bücher und ganze Bibliotheken, deren Inhalte sie kompilieren und aufsaugen.
Wissen, sei es gespeichert im Gedächtnis, in einer Bibliothek oder in einer Enzyklopädie, muß geordnet werden, wenn es wiedergefunden, also nutzbar gemacht werden soll. Ordnungssysteme dienen dem Menschen dazu, Phänomene der Welt handhabbar zu machen; der Glaube an einen allmächtigen Schöpfergott, der die Welt geschaffen hat, an einen teuflischen Widerpart, der diese Schöpfung vereinnahmen möchte, an himmlische oder höllische Heerschaaren, die für eine oder andere Seite tätig sind, ist ein solches Ordnungssystem: Es verschafft dem Ordnungssuchenden Strukturierungshilfen für eine Welt, die sich dem Verständnis entzieht, es reduziert Komplexität durch besser verständliche Kategorien und Merkmale, es hat einen praktischen Nutzen und bietet Orientierungshilfen.
Auch Wissen ist ein Teil von Welt, das durch Ordnungssysteme handhabbarer gemacht werden kann, insbesondere wenn es in Textform fixiert und wieder auffindbar gemacht werden soll. Die Ordnungssysteme stellen dabei auch einen Spiegel der Welt(en) dar, die sie verfügbar machen möchten. Ordnungssysteme repräsentieren unterschiedliche Haltungen gegenüber dem Wissen: Systematische Ansätze suggerieren einen umfassenden Bezugsrahmen, der es ermöglicht, die Wissenspartikel in einem Kontext darzustellen; mechanische Ordnungssysteme dekontextualisieren Wissen und reduzieren es auf Stichworte, können aber einen raschen Zugriff ermöglichen; rhizomatische oder netzwerkförmige Ordnungssysteme repräsentieren kleinste Informationsbrocken ausschließlich in ihren Beziehungen zueinander und rekontextualisieren sie damit wieder – möglicherweise in einem neuen Sachzusammenhang.
Jede Epoche entwickelte für sie charakteristische Ordnungssysteme, mit denen das Informationsbedürfnis der Benutzer bestmöglich gestillt werden konnte – oder die einfach technisch möglich wurden. Über die dominierenden Ordnungssysteme lassen sich dabei mancherlei Rückschlüsse auf die jeweilige Epoche und ihr Verständnis von Wissen sowie die Informationsbedürfnisse der Benutzer anstellen.
Enzyklopädien des Mittelalters gliederten ihr Material häufig systematisch (z.B. Adel der Seinsordnung, Bibel), chronologisch (z.B. Kosmogonie, Jahresablauf), topografisch (z.B. Weltkarte, Reisebeschreibung) oder zirkulär (z.B. Kreis der Bildung, Septem artes liberales1); diese Systeme gingen inhärent von einer begrenzten, durch den Menschen zu erfassenden Wissensmenge aus, die ihre Bedeutung aus dem weltanschaulichen Kontext bezog.
Klassifikatorische Hierarchiebildungen operieren ebenfalls mit einer Systematik und gehen in nuce meist auf das aristotelische Konzept aus Akzidens, Genus, Proprium und Definition1 in Verbindung mit den Erweiterungen aus Porphyrs Isagoge2 zurück. Im 13. Jahrhundert führte Petrus Hispanus die Metapher des Porphyrianischen Baums (Arbor porphyriana) ein, der zum charakteristischen Modell für die Visualisierung des Zusammenhangs des Wissens wurde3. Auch Denis Diderot fühlte sich noch bemüßigt, im Prospekt zur Encyclopédie – der wohl bedeutendsten frühen Enzyklopädie in alphabetischer Anordnung – die Entscheidung für die alphabetische Gliederung zu begründen, einen »Stammbaum aller Wissenschaften & Künste« aufzustellen4 und dem Gesamtwerk als Systematisierungshilfe das berühmte »Figürlich dargestellte System der Kenntnisse des Menschen« beizugeben5.
Solche hierarchischen Systeme dominieren auch heute noch weitgehend die Klassifikation von Wissen, sei es bei der Sortierung von Bibliotheksregalen oder der zoologischen Taxonomie. Für die Klassifikation von Wissen gilt als grundlegendstes Klassifikationssytem die von Melvil Dewey (1851-1931) entwickelte Dewey Decimal Classification (DDC), eine monohierarchische Universalklassifikation, die das gesamte menschliche Wissen in zehn Hauptabteilungen gliedert1.
In der Neuzeit setzten sich in Nachschlagewerken mechanische Ordnungsprinzipien durch, vorrangig die alphabetische Sortierung nach dem (finiten) Alphabet – ein System, das aufgrund seiner Dekontexualisierung eigentlich gar nicht die Bezeichnung ›System‹ verdient. Mit der Lemmatisierung wurde die Gesamtheit des Wissens in Wissensbrocken aufgeteilt und nach ›Zipfeln‹ (Michel) dieses Wissens sortiert. Der Philosoph Georg Picht bezeichnete das Alphabet noch 1971 als »das primitivste Ordnungsschema« und seine Anwendung im Lexikon als »eine mörderische Deformation des Wissens«1. Diese ausgerechnet anläßlich des Erscheinens der Meyer-Enzyklopädie geäußerte Kritik zeigt, dass das alphabetische Ordnungsschema nicht nur in der Anfangszeit seiner Etablierung umstritten und erklärungsbedürftig war.
Der Kontext der lemmatisierten Begriffe kann in alphabetisch gegliederten Nachschlagewerken durch verschiedene Hilfsmittel zumindest ansatzweise wiederhergestellt werden; zu diesen Hilfen zählen Verweissysteme, Marginalien, Fußnoten, Verzeichnisse und Übersichtsartikel wie die ›Schlüsselbegriffe‹ der Brockhaus-Enzyklopädie. Das Hauptmanko blieb jedoch bestehen: Der lemmatisierte Begriff wird aus seinem Zusammenhang gerissen und unzusammenhängendes einander beigeordnet.
Zwei – scheinbare – Vorteile bieten mechanische Ordnungssysteme jedoch: Der Umfang des in dem enzyklopädischen Werk repräsentierten Wissens konnte sich nun besser ausweiten, und der Zugriff auf die ›Wissenszipfel‹ wird erleichtert – vorausgesetzt natürlich, der Benutzer kann den ›Zipfel‹ mit einem Begriff belegen.
Charakterisitisch für diese Phase der Entwicklung ist die grundsätzliche Beschränkung von Umfang und Gegenstandsbereich durch materielle Rahmenbedingungen (Kaufkraft und verfügbarer Platz der Käufer, Anzahl der zu publizierenden Bände). Unmerklich wird das enzyklopädische Projekt pragmatischen Rahmenbedingungen untergeordnet und das vermeintliche »Wissen der Welt« auf eine kommerziell vermarktbare Teilmenge reduziert.
Trotz seiner heute unumstrittenen Dominanz im Markt der gedruckten Nachschlagewerke konnten die zahlreichen Defizite des alphabetischen Ordnungssystems nie zufriedenstellend beseitigt werden; ein gezielter Zugriff auf Partikel innerhalb eines lemmatisierten ›Zipfels‹ war allenfalls durch Registerbände möglich, die jedoch aufwändig zu warten und umständlich zu benutzen waren.
Neue Technologien ermöglichten Ende des 20. Jahrhunderts erstmals, verschiedene Ordnungssysteme einander gleichberechtigt anzuwenden. Die Erschließung der digitalen Hypertexte konnte nun gleichermaßen über eine hierarchische Systematik (Taxonomie, Klassifikation), Verweissysteme (›Wissensnetz‹, assoziative Querverweise) oder ungeordnet (Volltextsuche) erfolgen. Die interne Struktur der Speicherung kann man am bestendurch die Netzwerkmetapher verdeutlichen: Die Wissensbrocken werden in Datenbanktabellen gespeichert und deren Beziehungen durch relationale Modellierung hergestellt. Unzusammenhängendes wird hier nicht mehr – wie in der alphabtischen Sortierung – einander beigeordnet, sondern vollkommen vom übrigen Kontext abgekoppelt. In welcher Form die Wissensbrocken wiedergefunden (Information Retrieval) und präsentiert (Interface Design) werden, wird zu einer Frage der Informatiker, ›Informations-Architekten‹ (Information Architecture) und der ›Benutzbarkeits-Ingenieure‹ (Usability Engineering).
Durch die Aufhebung von Platz- und Größenbeschränkungen wurde es erstmals auch möglich, den Gegenstandsbereich der neuen Enzyklopädien auszuweiten und sich abgekoppelt von formalen Begrenzungen auf die Erstellung und Erschließung der Inhalte zu konzentrieren. Gleichzeitig konnte wieder eine stärkere Annäherung an die universalistische Utopie des enzyklopädischen Projekts erreicht werden: Die englischsprachige Wikipedia mit ihren derzeit bereits über zwei Millionen Artikeln dürfte die umfassendste jemals erstellte Universalenzyklopädie darstellen. Gleichzeitig verabschiedet sich die wild wuchernde Wikipedia zunehmend von zentralen Funktionen konventioneller Enzyklopädien wie der der Wissensselektion und -kompression. Der enorme Erfolg der Wikipedia-Projekte indiziert jedoch, dass die neuen Ordnungssysteme und die veränderte funktionale Ausrichtung ihrer neuartigen Ansätze die Benutzerbedürfnisse besser befriedigt als die konventioneller Produkte.
Für den Wissenssuchenden müssen alle Ordnungssysteme durch ergänzenden Hilfen oder Paratexte erschlossen werden: Systematische gegliederte Enzyklopädien benötigen beispielsweise ein Stichwort- oder Sachverzeichnis, mechanisch gegliederte ein Verweissystem und rhizomatische brauchen rekontextualisierende Meta-Informationen wie Navigationshilfen oder Inhaltsverzeichnisse. Viele Ordnungssysteme werden auch miteinander kombiniert (hybride Ordnungssysteme), um die Defizite einzelner Systeme auszugleichen; dabei nimmt jedoch häufig auch wieder die durch Ordnungsschemata gewonnene Reduktion von Komplexität wieder ab.
Enzyklopädien sind Wissensspeicher, die verfügbares Wissen sammeln, aufbereiten und verfügbar(er) machen; sie schaffen kein neues Wissen und dienen gerade nicht der Theoriebildung – oder dem Wissen-Schaffen. Sie sammeln typischerweise als gesichert geltendes, so genanntes positives Wissen, das Anspruch auf Wahrheit erhebt. Die analytische Philosophie bezeichnet dieses ›wahre‹ Wissen klassischerweise als gerechtfertigten wahren Glauben (GWG-Behauptung).
›Das‹ Wissen schlechthin existiert nicht. Unterschiedliche Epochen und Kulturen bewerten sehr unterschiedliche Dinge als Wissen – was als Wissen aufgefasst wird, ist gebunden an Kontexte wie Zeit und Kultur und hat darüber hinaus eine qualitative Dimension, die ebenso in flux ist. Exemplarisch sei hier nur an das so genannte ›verborgene Wissen‹ erinnert1 und die dazugehörigen Wege zu Erkenntnis und Wissen, die der Erkenntnistheoretiker Kurt Eberhard auch als »mystisch-magischen Erkenntnisweg«2 bezeichnet.
Wissen unterliegt also Kriterien der Gültigkeit, Wertigkeit und Verwertbarkeit, es unterliegt Konjunkturen und hat eine Haltbarkeit, weshalb es zunehmen oder verloren gehen kann. Im Rahmen dieser Arbeit wäre es es müßig, im Detail festlegen zu wollen, in welcher Epoche welche gesellschaftliche Schicht welche Formen von Wissen als legitim, richtig oder wichtig aufgefasst haben1; in unserem Kontext ist es jedoch essentiell, Wissenszugänge und damit Wissensarten als legitimierbar zu akzeptieren, auch wenn sie nicht den modernen Kriterien für ›Wissen‹ entsprechen; so war für die Fachprosaautoren der frühen Neuzeit noch selbstverständlich, dass »ihre ›Beschreibungen‹ nicht die wahrgenommene Welt, sondern nur das Produkt ihrer Wahrnehmung der Welt« seien2. Noch einige Jahrhunderte zuvor, im Mittelalter, kam selbst der Wahrnehmung noch ein vollkommen anderer Stellenwert zu; hier spielte es nicht zwangsläufig eine entscheidende Rolle, ob es ein Fabelwesen wie das Einhorn tatsächlich gebe; wichtig war vor allem, was es bedeute. Das differenzierte scholastische Weltbild unterschied drei Arten von Realität, und »Sein, Realität und Wirklichkeit decken sich [...] nicht«3. Dennoch galt auch hier: »Was die Welt ist, manifestiert sich in unserem Wissen«4.
Positives Welt-Wissen setzt immer einen normativen Bezugsrahmen voraus, innerhalb dessen Grenzen Aussagen als wahr angesehen werden können; einen solchen Bezugsrahmen stellen beispielsweise Weltanschauungen wie Religionen oder Ideologien bereit. Mittelalterliche Enzyklopädien konnten sich auf absolute Wahrheiten des Glaubens und der Bibel berufen, in (früh-) neuzeitlichen Enzyklopädien wurden diese Wahrheiten durch Wissenschaft und Rationalität ersetzt; auch vielen modernen Enzyklopädien dient die scientistische Weltanschauung noch immer als Quell positiven Wissens.
Die Wissenschaftsgläubigkeit vieler Menschen wurde jedoch spätestens im 20. Jahrhundert fundamental erschüttert – durch zwei Weltkriege, Massenvernichtungswaffen, ökologische Katastrophen, die Hilflosigkeit der Medizin gegenüber zahllosen Krankheiten, den ausbleibenden wissenschaftlichen Lösungsangeboten für Hunger, Armut und Überbevölkerung sowie zahllose andere Entwicklungen. Der Vorranganspruch der etablierten Wissenschaften auf Exaktheit, Wahrheit und Gültigkeit ist erschüttert – nicht zuletzt auch durch wissenschafliche Erkenntnisse selbst1.
Das 20. Jahrhundert kann charakterisiert werden durch Tendenzen wie Inkommensurabilität und Kontingenz, das Verschwinden positiver Utopien, Zweifel am Primat der Vernunft (ratio) und der Zweckrationalität, (radikalen) Pluralismus und Multikulturalismus. Es wird zumindest in Betracht gezogen, dass es mehrere Wahrheiten nebeneinander geben kann – Individuen können miteinander kommunizieren, indem sie einen intersubjektiven Modus der Verständigung finden; ›objektives‹ Wissen ist dafür nicht mehr nötig. Absolute Wahrheits- und Geltungsansprüche stehen dagegen unter Generalverdacht auf Betrug. Antworten der etablierten Enzyklopädien auf diesen beginnenden Paradigmenwechsel blieben jedoch aus.
Aus dem veränderten Bedürfnis der Rezipienten heraus entwickelte sich ein enzyklopädisches Konzept, um mit abweichenden Meinungen und unterschiedlichen Wahrheiten umzugehen: Der so genannte Neutrale Standpunkt (Neutral Point of View, NPOV) der Wikipedia fordert, dass alle relevanten Standpunkte so dargestellt werden, dass sie die jeweilige Gegenseite als divergierenden Standpunkt akzeptieren kann. Währende stärker traditionalistische Enzyklopädien eine Fachredaktion bemühen, um über Relevanz, Lemmatisierung und ›Wahrheit‹ zu entscheiden, entmündigt das NPOV-Prinzip den Leser nicht. Die Radikalität dieses Ansatzes der Wikipedia ist neu, nicht jedoch das Prinzip an sich; ältere Enzyklopädien waren typischerweise auch sprachlich ausgewiesen Kompilationen von Meinungen anderer. Besonders deutlich wird dieses Prinzip in Pierre Bayles Dictionnaire, das in seiner Relativierung der Positionen so weit geht, dass hier auch von einer Anti-Enzyklopädie gesprochen wird.
Schon immer gab es gegenläufige Tendenzen, also Bemühungen, überliefertes Wissen zu tilgen, beispielsweise durch Beschädigung oder Beseitigung von Kunstwerken und Denkmälern; der Berliner Historiker Alexander Demandt bezeichnet diesen Kulturvandalismus auch als negative Kulturgeschichte und führt eine Fülle von Beispielen an1. Der Akt des Kulturvandalismus, also »der gewaltsame Versuch, Erinnerungen zu beseitigen oder zu verändern« erfolge, so Demandt, mit »der Absicht oder Folge einer Bewusstseinsänderung«2 - beispielsweise in Form des Todesurteils für Erinnerung, der damnatio memoriae. Die Auslöschung der Erinnerung durch Kulturvandalismus ist allerdings nicht die einzige Form der damnatio memoriae; andere Formen schließen das Vergessen3 oder das Überfluten mit (irrelevantem) Wissen ein – die Gestalt der Antipoden des Wissensspeichers ist polymorh.
Etwa seit den 1950er Jahren wird versucht, das Wachstum des Wissens zu quantifizieren1; bereits 1973 bezweifelte jedoch der Informationswissenschafter Gernot Wersig sowohl die Datenbasis selbst als auch die Aussagekraft der daraus abgeleiteten Folgerungen; selbst wenn man einen Zuwachs an Daten annehme, könne man daraus noch keineswegs automatisch einen Erkenntniszuwachs ableiten2. Weiterhin wies er auf zunehmende Redundanz, nämlich die »mehrfache Publikation von Aussagen mit prinzipiell dem gleichen Gehalt« hin, die »augenscheinlich erheblich zugenommen habe«3 und sprach in diesem Zusammenhang sogar von »Publikationsmüll«.
Die scientometrischen Methoden wurde in dem halben Jahrhundert seit den ersten Quantifizierungsversuchen erheblich verfeinert und ermöglichen mittlerweile faszinierende Aussagen, beispielsweise zur Wirkungstärke einer Publikation durch Messung der Zitationshäufigkeit, das Grundproblem wurde jedoch nicht gelöst: Gibt es tatsächlich einen quantifizierbaren Erkenntniszuwachs? Dies steht umso mehr in Frage, wenn man einen weiteren Einwand berücksicht: So merkt der Medienwissenschaftler Hans-Dieter Kübler zutreffend an, dass jeder Wissenszuwachs auch von einem Wissensverlust begleitet wird1. Auf diese Feststellung werden wir bei der Untersuchung der unterschiedlichen Enzyklopädien noch zurückkommen.
Im Zuge der zunehmend dominierenden Kommodifizierungstendenzen von Immaterialgütern rückte auch der Informations- oder Wissensmarkt seit den 1960er Jahren ins Zentrum der Betrachtung. Bereits 1966 lobte der Wirtschaftswissenschaftler Peter Meyer-Dohn die »verlegerischen Leistungen« der Lexikon-Verlage, die einen »privatwirtschaflichen Beitrag zur Erweiterung der Bildungsmöglichkeiten unserer Gesellschaft« leisteten1. Wenn ein solcher privatwirtschaflicher Beitrag auch durchaus existieren mag, erscheint die Rolle der deutschen Lexikon-Verlage in einem weniger glanzvollem Licht, wenn man beispielsweise die faktische Monopolisierung dieser Wissens-Industrie in Gestalt des BIFAB betrachtet2. Die negativen Auswirkungen dieser Marktkonzentration werden bereits deutlich durch den Wegfall renommierter Verlagsprodukte3 sowie die faktische Einstellung der Meyer-Lexikografie zugunsten des Brockhaus4.
Gleichwohl überraschen die überwiegend negativen Auswirkungen der Priorisierung des kommerziellen Verwertungscharakters von Information oder Wissen kaum; eine zunehmende Marktorientierung mit der Folge der Verselbständigung der Wirtschaft konstatierte der ungarische Wirtschaftstheoretiker Karl Polanyi bereits 19445; auf ihn geht wohl auch der auch den Begriff der Kommodifizierung zurück, den der Informationswissenschaftler Rainer Kuhlen aufgriff und auf den Immaterialgütermarkt anwandte; Kuhlen prägte hier den spezifischen Begriff der Venterisierung, mit dem er den »perfektionierten Vorgang der kontrollierten, privaten Aneignung von Wissen« charakterisiert6 und damit auch die Frage aufwirft, ob und inwieweit beispielsweise der kommerzielle Wert einer Sache die Lemmaselektion einer Lexikonredaktion beeinflussen könnte.
Utopische Vorstellungen über das Sammeln und Bewahren allen relevanten Wissens sind seit Jahrtausenden bekannt; immer wieder werden Fantasien über allumfassende Wissenssammlungen geschaffen – überwiegend als literarische Fiktionen, gelegentlich jedoch auch mit dem ernst gemeinten, aber natürlich zum Scheitern verurteilten Versuch der Umsetzung1.
All diese Utopien sind jedoch Fiktionen, die niemals verwirklicht werden können – es sei denn, sie werden in einen weltanschaulichen Kontext – beispielsweise den einer Religion mit absolutem Geltungsanspruch – eingebettet, der eine scharfe Demarkationslinie der Relevanz zieht. Dann wird allumfassendes Wissen möglich: So enthält »für den Juden [...] die hebräische, für den Christen die christliche Bibel, für den Muslim der Koran das schlechthinnige und allesklärende Insgesamt des Wißbaren und Wissenswerten«2,3.
Auch Enzyklopädien sind solche Wissensutopien oder »heuristische Fiktionen«4, die sich jedoch in realen Texten manifestieren. In Ankündigungen, Vorworten und Einleitungen zu den Enzyklopädien der vergangenen Jahrhunderte wurde immer wieder das allumfassende Wissen versprochen, eingelöst wurde dieser Anspruch freilich nie – oder eben nur innerhalb der Demarkationsgrenzen einer mehr oder minder deutlich gkennzeichneten Ideologie. In Werken wie der Большая Советская Энциклопедия5 wird der extrinsische Bezugsrahmen einer Ideologie offen dokumentiert, in anderen dagegen durch das trügerische Deckmäntelchen angeblicher ›Objektivität‹ vernebelt. Eine allzu ostentativ erklärte Wert- und Vorurteilsfreiheit bei gleichzeitig behaupteter Darstellung des »Wissens der Welt« sollte daher Mißtrauen erregen und Wachsamkeit für intrinische Ideologien schärfen.
Wissenskritik ist überliefert, seitdem es schriftliche Überlieferungen gibt; bereits in der Bibel brandmarkt König Kohelet Weisheit und Wissen sowie das Durchschauen von »Torheit und Unverstand« voller Fatalismus als »Haschen nach dem Wind«, denn: »Bei viel Weisheit ist viel Ärger, und mehrt man das Wissen, so mehrt man den Schmerz«1. Spätere Wissenskritik hinterfragt, was der Mensch überhaupt wissen oder wie er zu sicherer Erkenntnis gelangen könne; ist Erkenntnistheorie; ist der akademischer Zweifel des nihil scire; kann Schrift- oder Sprachkritik sein; »macht sich gerne fest am Prototyp des Wissensspeichers, d.h. an enzyklopädischem Schrifttum«2. Die Wissenskritik hinderte den Menschen jedoch ebenso wenig an diesem »Haschen nach dem Wind« wie ihn die Religionskritik am Glauben hinderte, allerdings besteht eine Verbindung zwischen beidem: Es handelt sich um Weltanschauungen, die sich gegenseitig ausschließen können.
fn1. Aristoteles: »παντεσ ανθρωποι του ορεγονται φυσει« (Metaphysik A I 980 a).
fn2. Eine weitere hierbei zu verfolgende Spur wäre das Gewissen; cf. auch Dietz 1989a: 213.
fn3. Heraklit: »πολυματθιη νοον ου διδασκει« (Fragment 40); cf. auch Dietz 1990: 42 s.
fn4. Gedächtniskunst, Erinnerungskultur; cf. Assmann 1992/2002: 29 ss.
Bildung.