Philosophie

Philosophie.

Erkenntnis

Begriff

Das deutsche Substantiv ›'Erkenntnis‹ ist eine Präfigierung zum Abstraktum ›Kenntnis‹; die entsprechenden Verben ›erkennen‹ bzw. ›kenne‹ sind seit dem 8./9. Jh. nachweisbar [1] und weisen (Neben-) Bedeutungen auf wie »für recht erkennen« (= Urteil sprechen) und »ein Weib erkennen« (= Geschlechtsverkehr haben). Letzteres ist eine Lehnbedeutung aus dem biblischen Urtext zu γιγνωσκω, »erkennen, kennen lernen, kennen, verstehen, wissen« und »urteilen, beschließen«. Begriffe wie Kenntnis, Erkenntnis, Verständnis, Urteil und Wissen sind daher nicht trennscharf zu unterscheiden, sie bilden ein komplexes Wortfeld, in dem jeweils verschiedene Bedeutungen konnotiert sein können.

Bernward Gesang bestimmt ›Erkennen‹ im Metzler Philosophie Lexikon als »Erwerb von Wissen«, da wir »immer wenn wir über ein Wissen verfügen, [...] auch eine Erkenntnis gleichen Inhalts« haben [2]; in der Begriffsbestimmung umschifft Gesang eine präzise Definition von Erkenntnis durch eine »Analyse des Wissensbegriffs«, der Unterschied von ›Erkenntnis‹ und ›Wissen‹ bleibt dunkel – nicht zuletzt, da ›Wissen‹ im gleichlautenden Lemma desselben Lexikons ausgerechnet von ›Erkenntnis‹ abgegrenzt wird. Jedoch bleibt auch Wolfgang Neuser, der Verfasser des Artikels ›Wissen‹, eine Erläuterung dieser Abgrenzung schuldig [3].

Erkenntnistheorien

Die Frage nach dem was und dem wie menschlicher Erkenntnis zieht sich seit mehr als zweieinhalb Jahrtausenden durch das abendländische Denken. Wirkungsmächtige Antworten wie die plantonische Ideenlehre beantworten diese Fragen im Liniengleichnis1 mit dem Postulat von a priori existierenden Ideen (εἶδος/ἰδέα) und verlagern das erkenntnistheoretische Problem damit auf den Erkennisprozess, also auf die Frage, wie der Mensch die Erkenntnis dieser Ideen erreichen könne. Im Höhlengleichnis [4] veranschaulicht Platon die Schwierigkeit menschlicher Erkennis dieser Ideen und führte die philosophischen Debatten damit für Jahrhunderte in eine Pattsituation: Einen nachvollziehbaren Erkenntnisweg zur Schau der Ideen konnte die Philosophie nicht entwickeln.

Andere Erkenntniswege, deren gesamtes Spektrum man mit – mit Kurt Eberhard – in Gruppen subsummieren kann wie »mystisch-magisch«, »deduktiv-dogmatisch«, »induktiv-empirisch«, »deduktiv-theoriekritisch« oder »dialektisch-materialistisch« [5] wurden teilweise diskredidiert, andere dagegen priorisiert. Zur zentralen epistemologischen Frage wurde ›Was können wir wissen‹. Hatte Platon ›Wissen‹ im Theaitetos noch »wahre begründete Meinung« bzw. »gerechtfertigten wahren Glauben« (GWG) [6] bestimmt, verdeutlichte Edmund Gettier in seinem Aufsatz »Is justified true belief knowledge« (1963; dt.: »Ist gerechtfertigter wahrer Glaube Wissen?«), dass diese klassische Begriffsbestimmung nicht mehr dem heutigen Erkenntnisbegriff adäquat ist (Gettier-Problem).

Erkenntnis als Konstruktion

Einen pragmatischen, jedoch gar nicht so weit von Platon entfernten epistemologischen Ansatz entwickelten der Kommunikationswissenschafler Ernst von Glasersfeld, der Physiker Heinz von Foerster sowie die Neurobiologen Humberto Maturana und Francisco Varela ab den 1970er Jahren. Dieses meist als radikaler Konstruktivismus bezeichnete Konzept kritisiert realistische und ontologische Auffassungen von Wahrheit und Wissen; als konstruktivistische Erkenntnistheorie geht dieser Ansatz vom Erkenntnisapparat der menschlichen Sinneswahrnehmung aus und konstatiert, dass diese immer eine konstruktive Leistung eines individuellen Gehirns ist; im Gegensatz zum Skeptizismus bestreitet der erkenntnistheoretische Konstruktivismus nicht die Existenz einer wie auch immer gearteten ›Realität‹, sondern stellt lediglich fest, dass dem Menschen geeignete Organe fehlen, die Zugang zu einer ›objektive Wahrheit‹ verschaffen könnten.

Erkenntnis findet hier zwar a posteriori statt, wird jedoch ebenfalls zu einem kommunikativen Prozess, da die individuellen Wirklichkeiten erst durch intersubjektive Kommunizierbarkeit nutzbar und nützlich werden. Der gordische Knoten der Suche nach ›objektiver Wahrheit‹ wird durch dieses Konzept durchschlagen, da man nun mit der Existenz unterschiedlicher subjektiver Wahrheiten rechnen muß. Methodisch beseitigt wurde damit auch ein Einwurf, den bereits Friedrich Nietzsche geäußert hatte, nämlich das Problem der Instrumentalisierung von Wissen: »Die Methodik der Wahrheit ist nicht aus Motiven der Wahrheit gefunden worden, sondern aus Motiven der Macht, des Überlegen-sein-wollens« [7].]. Aus konstruktivistischer Perspektive stellt sich die Frage nach ›objektiver Wahrheit‹ nicht mehr mit der früheren Vehemenz, relevant wird vielmehr, ob eine Konstruktion intersubjektiv kommunizierbar ist. Dem konstruktivistischen Ansatz ist damit tendenziell auch ein fundamental toleranter Zug inhärent, der die Möglichkeit und Geltung anderer Weltanschauungen und Ideologien vorsieht.

fn1. Kluge 2002, Lemmata ›kennen‹ bzw. ›erkennen‹.

fn2. Bernward Gesang, Lemma »Erkenntnis«, in: Prechtl/Burkard 1999: 144 s.

fn3. Wolfgang Neuser, Lemma »Wissen«, in: Prechtl/Burkard 1999: 664 s.

fn4. Platon Pol 514a–517a.

fn5. Eberhard 1987: 22-57.

fn6. Traditionellen Definition von Erkenntnis im Theaitetos: »(...) die mit ihrer Erklärung verbundene richtige Vorstellung wäre Erkenntnis, die unerklärbare dagegen läge außerhalb der Erkenntnis. Und wovon es keine Erklärung gebe, das sei auch nicht erkennbar, und so benannte er dies auch, wovon es aber eine gebe, das sei erkennbar«, Übersetzung von F. Schleiermacher.

fn7. Nietzsche 1954: 812 [397b