Mit der Einführung der Microsoft-Expression-Produktfamilie beerdigt der Softwarekonzern den erfolgreichen HTML-Editor FrontPage - und mit ihm das Konzept "form follows function". Die neue Devise lautet nun: "function follows form" - Struktur, Gliederung, Navigation und Usability sollen sich fortan dem Pixellayout unterordnen. Microsoft unternimmt damit einen weiteren Schritt, um das Web zu einem Wiedergänger bunt blitzender Werbepostillen umzugestalten.
Das ursprünglich von Vermeer Technologies, Inc. entwickelte FrontPage (kurz: FP) wurde 1995 in der Version 1.0 am Markt eingeführt; wenig später wurde das vielversprechende Produkt von dem Software-Konzern Microsoft übernommen und lediglich mit kosmetischen Änderungen ab Frühjahr 1996 als FrontPage 1.1 vermarktet. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten, und FP mauserte sich rasch zum meistverkauften und am häufigsten genutzten visuelle Web-Editor. Nennenswerte Konkurrenz gab es in dieser Zeit nicht, die meisten Web-Autoren schrieben damals ihr Markup noch in mehr oder minder komfortablen Text-Editoren.
Ganz anders FrontPage: Hier konnte man Webseiten visuell konzipieren, editieren und komfortabel publizieren. Das erschloß dem Web natürlich ganz neue Benutzerkreise, nämlich solche, denen die Auseinandersetzung mit der "Programmiersprache" HTML zu kompliziert war. Sicherlich waren viele der mit FrontPage geschaffenen Websites amateurhaft gestaltet und einige sogar ganz überflüssig, dennoch eröffnete das Werkzeug eben auch vielen Nicht-Technikern den Zugang zum World Wide Web, die damit wertvolle Inhalte publizieren konnten. Ohne FrontPage wäre ein nicht unerheblicher Teil der informativen Inhalte nie im Web publiziert worden. FrontPage leistete in den 1990er Jahren das, was heute MediaWiki für das Enzyklopädieprojekt Wikipedia leistet: Es ebnete Fachleuten und kompetenten Laien anderer Disziplinen und ohne informationstechnische Ausbildung den Zugang zum Publizieren im Internet.
Andere visuelle HTML-Editoren dieser Frühphase, namentlich der Netscape Composer unterstützten den frischgebackenen Web-Autoren vor allem beim Schreiben und Formatieren einzelner HTML-Seiten; die Website als Gesamtheit mehrerer HTML-Seiten, verschiedener Grafiken und ihrer Beziehung zueinander geriet dabei weitgehend aus dem Fokus der Anwender - Tools wie der Netscape Composer unterstützten den Anwender beim Site Management überhaupt nicht. Dem Composer, der später in der in der Mozilla Suite und momentan in Seamonkey halbherzig weitergepflegt wird, war kein großer Erfolg beschieden. Auch die eigenständige Abkopplung Nvu zeichnet sich weniger durch eigene Qualitäten aus, als vielmehr durch die Tatsache, dass es unter GNU/Linux überhaupt keine anderen visuellen Website-Editoren gibt.
Alternative Werkzeuge für Site Management und Link Management gab es in den 1990er Jahren durchaus, allerdings waren diese Programme stark überteuert - wer konnte in dieser Aufbruchsphase des Web schon 800 Mark und mehr nur für ein Strukturierungstool ausgeben - und verfügten nicht über einen integrierten HTML-Editor wie eben FrontPage. Diese Produkte verschwanden daher bald spurlos vom Markt oder wurden wohl auch zu einem großen Teil durch das immer mächtiger werdende FrontPage ersetzt. Übrigens konnten sich auch intelligentere Alternativen zu konventionellen Webservern nicht am Markt durchsetzen - die Leidensgeschichte des hervorragenden Hyperwave Information Servers ist hier nur ein Beispiel. Microsoft FrontPage entwickelte sich daher zu einem Site Management Tool mit Alleinstellungsmerkmal - es war das letzte verbreitete Programm dieser Art, dass noch Augenmerk legte auf den strukturierten Aufbau von Websites.
FrontPage erwarb bei manchen Web-Designern einen schlechten Ruf; die eine Fraktion schwor mit Macho-Attitüde auf das HTML-Authoring im Quelltext, die andere setzte auf die Konkurrenzprodukte von Adobe (GoLive) bzw. Macromedia (Dreamweaver). Das Microsoft-Produkt war verpönt durch seine Eigenschaft, den HTML-Quellcode eigenmächtig umzuformatieren und teilweise zu modifizieren sowie durch schlechte, vorgefertigte Seiten-Designs (eine Art "Templates"). Beide Probleme existieren allerdings seit Jahren nicht mehr und treten allenfalls noch Anwendern mit unzureichenden Grundkenntnissen auf, die selbsternannten "Web-Profis" überpüften jedoch ihre Vorurteile nur selten, die unfundierten "Experten"-Verdikte durchmischten sich munter mit blindem Microsoft-Bashing, das jedoch kaum etwas mit dem Produkt selbst zu tun hatte. All dies tat der Beliebtheit von FrontPage jedoch keinen Abbruch.
FrontPage war immer für die Verwaltung kleiner (bis etwa 10.000 Seiten) bis mittelgroßer Websites (unter 100.000 Seiten) ausgelegt; wuchs eine Website über diese Dimensionen hinaus, mußte man zu tricksen beginnen. Man kann mit FrontPage durchaus Websites mit rund 500.000 Seiten verwalten, der Aufwand steigt dabei jedoch, da viele der Komfortmerkmale des Programms dann nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden können. Daher standen viele langjährige FrontPage-Benutzer meist irgendwann vor dem Problem, dass Microsoft keine Migrationspfade auf ein besser skalierendes High-End-Produkt anbot.
Um die Jahrtausendwende herum kam Sharepoint auf den Markt, von dem sich viele Entwickler eben jene Saklierungsmöglichkeiten erhofften; Microsoft enttäuschte diese Hoffnungen jedoch und richtete dieses gut skalierende Produkt auf eine ganz andere Zielgruppe aus: Arbeitsgruppen in einem Intranet. Mancher unkte damals, dass die Zukunft für FrontPage daher wohl nicht rosig aussehe. Ein weiteres Warnzeichen war die Einstellung der Weiterentwicklung der FrontPage Server Extensions (FPSE) unter UNIX-artigen Betriebssystemen - Microsoft wollte wohl seine Kunden wieder stärker an die eigenen Betriebssystemplattformen binden. Die echten Alleinstellungsmerkmale wurden zwar von Version zu Version durchaus gepflegt und in Details verbessert, nicht jedoch grundlegend überarbeitet oder gar ausgebaut. Häufig stellten sich Betreiber großer FrontPage-Sites daher die Frage, wo denn die "Grenzen des Wachstums" lägen.
Die Schwarzseherei der vergangenen Jahre bewahrheitet sich nun mit der Einführung der Expression-Produktfamilie, wenn auch auf ganz unerwartete Weise: Es wurde auf der Basis von Microsoft Office und FrontPage ein scheinbar neues Produkt entwickelt, das tatsächlich jedoch lediglich um die herausjagenden Alleinstellungsmerkmale von FP kastriert wurde.
Diese eigentlichen Stärken von FrontPage scheinen kaum bekannt zu sein und werden anscheinend auch nur selten in vollem Umfang genutzt; dies sind vor allem:
Ein Äquivalent zu den FPSE gibt es für die Expression-Produte nicht mehr, damit fallen alle entsprechenden (Komfort-) Funktionen weg; drastisch reduziert wurden die Funktionen zum Link Management und die zum Site Management komplett liquidiert. FrontPage Webs können in Expression Web zwar geöffnet, jedoch nicht mehr gewartet oder erweitert werden: Die dazu notwendigen Funktionen fehlen schlichtweg.
Die seit langem bekannten und von vielen Anwendern immer als latente Bedrohung empundenen wirklichen Schwächen von Microsoft FrontPage zeigen daher nun in drastischter Weise ihre üblen Auswirkungen:
Potenzielle Ausweichmöglichkeiten waren somit immer verbaut, die Entwicklung von Alternativen im Keim erstickt. Im Gegensatz zu Samba oder ReactOS fanden sich auch nie genügend Entwickler, die einen FrontPage-Clone nachzubauen versuchten. Betreiber gewachsener FrontPage-Sites werden nun von Microsoft im Regen stehen gelassen, da für ihre Websites keinerlei Migrationspfade angeboten werden.
Der Web-Designer - hier im Sinne von Information Architect verfügte mit den Strukturierungstools von FrontPage über hervorragende Werkzeuge, mit denen er die Struktur seiner Website erstellen und bearbeiten konnte; er konnte nach dem Konzept "form follows function" arbeiten und sich auf das Wesentliche - Inhalt und Struktur - konzentrieren.
Die FrontPage-Randbereiche ermöglichten es beispielsweise in Verbindung mit den Bots für automatisch generierte Navigationsleisten, selbst komplexe Site-Strukturen zu visualisieren und gut navigierbar zu machen. Der Designer definierte dazu lediglich die Site-Struktur, den Rest erledigte FrontPage vollautomatisch. Ähnliches galt für Site Maps und strukturierte Inhaltsverzeichnisse - auch sie generierte FrontPage vollkommen eigenständig. Selbst verbreitete Content-Management-Systeme bieten häufig nichts Vergleichbares - und ignorieren damit eines der Hauptprobleme des World Wide Web, da ja nichts anderes als ein komplexer Hypertext ist: nämlich das Phänomen des lost in hypertext.
Ohne die komfortablen Gliederungswerkzeuge werden Expression Web-Sites auf einen primitivsten Entwicklungsstand aus den Zeiten des Web-Urschleims zurückgeworfen: Der Web-Designer muss nun die gesamte Navigation der Website manuell kodieren - oder einen Programmierer anheuern, der im dies mit ASPX-Skripten erledigt. Genau genommen ist Expression Web gar kein "Website-Editor" mehr, sondern lediglich ein "Page-Editor": Komplexe Websites kann man allenfalls lokal in Dateiordnern strukturieren, der Web-Designer hat jedoch keine Möglichkeit, den Benutzern seiner Website diese Struktur zu präsentieren oder diese gar zu visualisieren. Ebenfalls unmöglich ist es mit Expression Web, die Struktur der Online-Website abweichend von der Dateisystem-Hierarchie zu gestalten - für FrontPage war das eine der leichtesten Übungen. Wie vor mehr als einem Jahrzent darf der Expression Web-Autor all dies manuell kodieren - oder er muß ASPX lernen.
Und damit ist ein weiterer entscheidender Vorteil des Offline-Werkzeugs FrontPage zum Teufel: Man konnte eben mit einer lokalen Kopie der Website arbeiten und benötigte dafür lediglich ein Dateisystem. Um ASPX-Skripte zu testen benötigt man jedoch einen Entwicklungsserver. Naturgemäß werden viele Funktionen der Skripte dann in Datenbanken ausgelagert werden, die typischerweise nur online in aktuellen Versionen existieren. Der Entwickler hat nun plötzlich nicht mehr automatisch ein lokales Backup der Website, sondern muß die Online-Site mit all ihren Datenbanken manuell sichern oder replizieren. All die Vorteile eines Offline-Tools gegenüber einem Online-CMS schmelzen damit weg, und es ist kaum noch ersichtlich, warum man nicht gleich auf ein vollständig serverbasiertes System wie Typo 3 oder MediaWiki setzen sollte.
Der Web-Designer muß sich nun in Expression Web permanent mit der manuellen Pflege der Site-Struktur und der dazugehörigen Navigationselemente beschäftigen; das bindet enorm Ressourcen und schafft vielfältige neue Fehlerquellen für Dead Links, die FrontPage zuvor zuverlässig ausschloß. Er muß manuell Navigationsleisten testen, ständig anpassen, und wieder von neuem testen. Dies kommt einem Paradigmenwechsel gleich: In Expression Web gilt nun - wie auch in dem Pixel-Layout-Programm Dreamweaver der Grundsatz "function follows form".
Doch damit nicht genug des Unsinns. Expresion Web nutzt auch HTML-Tags wie <blockquote> nicht mehr. Sinnvollem FrontPage-Code wie den folgenden unterstützt Expression Web nicht mehr:
Aus der Funktion "Einrücken" (Ctrl+M) macht Expression Web folgenden Code-Müll:
Expression Web ignoriert also das vorhandene Stylesheet und müllt seitenspezifischen Code in den Header jeder Web-Seite; das Programm bietet von sich aus nicht einmal an, das in demselben Dokument referenzierte globale Stylesheet zu ergänzen. Damit werden die Vorteile von CSS - nämlich Website-übergreifender Markup und Einheitlichkeit - ausgehebelt. Und zwar so konsequent, dass man es im Nachhinein kaum noch korrigieren kann: Der "Einrücken"-Style heißt nämlich auf der nächsten Seite <p class="style2"> - <p class="style1"> kann hier plötzlich ein ganz anderes seitenspezifische Markup referenzieren: dümmer gehts nimmer!
Ganz grauslig wird's dann, wenn man unter "Seiteneditoroptionen" die "Manuelle Anwendung von Formatvorlagen" statt des standardmäßig aktivierten "Automatische Anwendung von Formatvorlagen" auswählt: "Manuell" ist dann ebensowenig wie vorher, vielmehr beginnt FrontPage dann ungefragt in das globale Stylesheet hineinzuschmieren. Und das beim Abspeichern jeder Seite immer aufs Neue. Bei größeren Webs dauert das einige Minuten, und außerdem werden die vom Benutzer erstellen Stylesheets dabei zerstört und verstümmelt. Man darf das Desaster unter FrontPage dann mühselig reparieren oder mittels eines Backups komplett rückgängig machen.
Übrigens nicht abgewöhnt hat Microsoft dagegen seinem neuen Programm, per default wieder nutzlose Meta-Informationen in den Header zu schreiben. Beispiel:
Cracker freuen sich über solche Steilvorlagen, weil sie ihre Angriffe dann bequem auf die verwendete Software zuschneiden können, ohne selbst einen Fingerprint analysieren zu müssen.
Auch im Bereich der Usability ist es Microsoft erfolgreich gelungen, die exzellente Usability von FrontPage grenzenlos zu verschlimmbessern. Über "Kleinigkeiten" wie das Flackern des gesamten Expression Web-Fensters beim Publizieren eines Web oder die insgesamt drastisch verlangsamte Arbeitsgeschwindigkeit mag man da ja vielleicht noch hinwegsehen.
Wenn dann aber selbst die Grafikeinbindung nur noch lästig ist, weil der Fokus beim Skalieren eines größeren Bildes auf ein Thumbnail (Ctrl+T) ständig an das Seitenende springt, anstatt auf dem neuen Thumbnail zu bleiben, beginnt man sich zu fragen, wer dieses Programm eigentlich benutzen soll. Spätestens nachdem man zum zehnten man sinnlos einmal durch die gesamte Seite scrollen musste wird man wohl entnervt Expression Web in die Tonne treten und wieder glücklich zu FrontPage zurückkehren.
Usability-Test scheint Expression Web bisher nicht durchlaufen zu haben, sonst dürften solche groben Schnitzer nicht passieren; Ähnliches kennt man allenfalls von Open-Source-Software im frühen Alpha-Stadium. Aber vielleicht verfolgt Microsoft mit Expression Web ja mal wieder das Bananen-Prinzip: Software reift beim Anwender - oder vergammelt.
Genau einen Grund könnte es geben, Expression Web einzusetzen: Microsoft scheint endlich den unseligen Bug gefixt zu haben, der in FrontPage bei bestimmten Konfigurationen zu reproduzierbaren Bluescreens führte.
Diese Kombination tritt beispielsweise auf unserem einwandfrei stabilen Core2Duo-Rechner mit Asus P5W DH Deluxe Mainboard auf, wenn die letzten verfügbaren Treiber für die Microsoft IntelliMouse Explorer 4.0 und das exzellente Microsoft Office Keyboard 1.0A installiert sind. Obwohl letzteres erst rund drei Jahre alt ist, wird es in aktuellen IntelliType-Treibern leider nicht mehr unterstützt.
Die bei der Arbeit unter FrontPage - und ausschließlich hier - auftretenden Bluescreens lassen lassen sich mit einem Debugger reproduzierbar auf diese Hardware- und Treiberkombination zurückführen ("Problemsignatur: BCCode: 1000008e BCP1: C0000005 BCP2: BF8E5F91 BCP3: A4050868 BCP4: 00000000 OSVer: 5_1_2600 SP: 2_0 Product: 256_1" u.ä.).
Dieser Fehler scheint unter Expression Web nicht mehr aufzutreten. Manch einer wird es aber wohl vorziehen, mit einem Bluescreen alle zehn Minuten zu leben, als ernsthaft mit Expression Web zu arbeiten.
Als Werkzeug zum Site Management ist Expression Web vollkommen ungeeignet, als pixelgenauer HTML-Editor unterscheidet sich das Produkt jedoch kaum positiv vom großen Konkurrenten Dreamweaver, der mittlerweile dem Software-Konzern Adobe gehört. Als Entwicklungswerkzeug für skriptbasierte Websites mit verbreiteten Sprachen wie PHP, Perl oder Python ist Expression Web ebenfalls denkbar ungeeignet - es fragt sich daher, wer dieses Produkt gewinnbringend einsetzen soll.
Mit dem ersatzlosen Verschwinden von Microsoft FrontPage geht daher eine Ära zu Ende - eine Ära, in welcher der Struktur und der Navigation einer Website noch eine zumindest vergleichbare Bedeutung zugemessen wurde wie deren Oberfläche. Das neue Expression Web-Zeitalter wird nun dominiert von Oberflächlichkeiten und Oberflächeneffekten, während die innere Struktur - und damit letztlich auch die Qualität der Inhalte - degenerieren werden.